NYC – Film: „Tár“


Ich war am 22.10.22 in New York und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

„Tár“ (dt. Kinostart: 23.02.23) 158 min  drama

dir. Todd Field  cast: Cate Blanchett, Nina Hoss, Noémi Merlant, Julian Glover, Mark Strong, Adam Gopnik, Sophie Kauer, Mila Bogoevic

Die Amerikanerin Lydia Tár (Cate Blanchett) ist eine der weltbesten Komponisten und Dirigenten. Sie hat es weit gebracht, sämtliche Preise abgeräumt, ist sogar eine sogenannte „EGOT“, hat also die vier größten amerikanischen Entertainment-Auszeichnungen (Emmy, Grammy, Oscar und Tony) gewonnen. Lydia Tár ist die erste Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters. Sie lebt mit ihrer Frau (Nina Hoss) und der gemeinsamen Tochter (Mila Bogojevic) in Berlin, wo Lydia die musikalisches Leitung der Berliner Philharmoniker übernahm. Sie arbeitet gerade an der Aufnahme von Gustav Mahlers 5. Sinfonie und hat noch weitere Projekte. Eine von Lydias ehemaligen Studentinnen scheint, von ihr besessen zu sein oder hat sich die Maestra vielleicht etwas zuschulden kommen lassen…

A- (Wertung von A bis F) „Tár“ ist nach „In the Bedroom“ und „Little Children“ erst der dritte Film des amerikanischen Schauspielers („Twister“, „Eyes Wide Shut“, „Stranger than Fiction“), Drehbuchautors und Filmemachers Todd Field. Auch für seinen neuen Film hat er das Drehbuch geschrieben. Während „In the Bedroom“ noch auf einer Kurzgeschichte basierte und „Little Children“ auf einem Roman, ist „Tár“ eine Originalstory, die Rolle der Lydia Tár hat Todd Field explizit für Cate Blanchett geschrieben.

Wow, was für ein Film, einer der zum Grübeln und zur Diskussion anregt und definitiv einer, den man mehrfach sehen muss, Mit dem Wissen, was passieren wird, kann man am Anfang und auch im Verlauf mehr auf die Feinheiten und Details achten. Hört sich verwirrend an, das ist dieser, manchmal ins Surreale gleitende Film auch. 

Eine richtige Story gibt es nicht, es fühlt sich eigentlich wie eine Reportage über ein Ausnahmetalent an. Da Lydia Tár eine Persönlichkeit ist, die Todd Field und Cate Blanchett kreiert haben, ist der Film wohl aber eher als Charakterstudie/Psychodrama einzuordnen. Man vergisst direkt, hier die Schauspielerin zu sehen. Zu Beginn wird Lydia Tár dem Publikum auf dem New Yorker Festival (und uns Zuschauern) von dem Journalisten Adam Gopnik (der sich selbst spielt) vorgestellt. Während der Lobpreisung steht sie hinter der Bühne, betritt dann selbige und wird interviewt. Sie ist ein Weltstar und wir als Zuschauer wissen direkt, mit wem wie es zutun haben. Eigentlich ganz clever. Lydia Tár ist eine Komponistin, Pianistin und Dirigentin mit einer feinen akustischen Wahrnehmung und einem außergewöhnlichen Gefühl für Tempo und Taktvorgaben. Sie ist eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, eine die bereits mit allen denkbaren Preisen ausgezeichnet wurde. 

„Tár“ ist kein Film über klassische Musik. Ich habe beispielsweise keine Ahnung von klassischer Musik und auch kein sonderliches Interesse daran. Hier werden viele Fachbegriffe genutzt und auch wird ins Detail gegangen, was mich aber nicht gestört hat. Eigentlich hat es mein Gefühl nur noch verstärkt, dass Lydia Tár mit einem ganz besonderen Talent ausgestattet ist und dafür sehr geschätzt und bewundert wird. Ich würde sogar so weit gehen, dass es egal ist, in welchem Metier sie eine der besten der Welt ist. Die Genies auf ihrem Gebiet sind meist Perfektionisten, haben ausgeprägte Egos und wissen, dass immer alle Augen auf sie gerichtet sind. Sie stehen an der Spitze (weitestgehend) allein und die Luft da oben ist dünn. Eigentlich müssen sie nur aufpassen, dass sie nicht eines Tages zu viele Gegner haben. Die Genies haben wahrscheinlich auch die Neigung, zu jeder Zeit die Kontrolle über ihr berufliches und privates Umfeld haben zu wollen. Vielleicht schauen sie auf andere Menschen herab, eventuell nur unbewusst. Die mit einem aussergewöhnlichem Talent gesegneten Persönlichkeiten sind uns überlegen, was in ihrem Kopf wirklich vor sich geht, wir werden es vielleicht nie – zumindest nicht zu ihren Lebzeiten – erfahren.“Tár“ ist ein Film über ein Genie, aber auch einer über Machtmissbrauch. Kann man sich alles leisten, wenn man es bis an die Spitze geschafft hat? Natürlich nicht, aber vermutlich ist die Versuchung groß. Lydia Tár kann Karrieren aufbauen, aber auch zerstören und sie tut es. Sie ist manipulativ und hat Affären mit Untergebenen. Machtmissbrauch ist nichts Neues, was hier anders ist, es handelt sich um eine Frau. 

Wir sehen also diese Frau, die sich bis ganz nach oben gekämpft hat und begleiten sie in ihrem, von Erfolg und Bewunderung gekrönten Leben und dann kommen erste Risse, eigentlich ist von Anfang an etwas da, was Lydia beschäftigt. Verfolgt sie jemand (eine ehemalige und von ihr abservierte Studentin und Geliebte) oder bildet sie es sich nur ein? Sie hört Stimmen, Geräusche und dann kommen eines Tages knallharte Anschuldigungen an die Öffentlichkeit, die Sozialen Medien tun ihr Übriges. Lydia Tár, die sich für unangreifbar hielt, verliert die Kontrolle über ihr Leben. Der Filmemacher verurteilt Lydia Tár nicht, er lässt vieles offen und uns Zuschauer entscheiden, was wir von der Maestra und ihrer Geschichte halten. 

Kann oder sollte man die Privatperson von ihrer/seiner Kunst trennen? Ich selbst bin bei der Frage inkonsequent. Ich vermeide es beispielsweise, mir Filme mit Tom Cruise anzuschauen (weil ich ihn noch nie mochte, ich ihn für keinen guten Schauspieler halte, ihn nicht authentisch finde und ich ihn – durch sein, zumindest früheres Auftreten in der Öffentlichkeit – nicht mehr von seiner Sekte trennen kann), Elisabeth Moss (Mad Men, Top of the Lake, The Handmaid´s Tale, The Invisible Man) ist ebenfalls Scientology-Mitglied, ich halte sie aber für eine wahnsinnig gute Schauspielerin, sehe sie sehr gerne und kann ihre Sektenmitgliedschaft irgendwie ausblenden. Vielleicht, weil sie darum auch nicht so viel Gewese macht. Ich entscheide also von Fall zu Fall, betrachte die Arbeit desjenigen und Sympathie spielt sicher auch eine Rolle. 

Lydia Tár ist überhaupt nicht sympathisch, dennoch hat sie mich von Beginn an in den Bann gezogen. Wie sie mit anderen Menschen umgeht, auf sie reagiert (ihre Ehefrau, ihre Tochter, Francesca, Sebastian, Olga, ihre Nachbarin, die einzelnen Orchestermitgliedern, usw.) – ich habe jeden Moment aufgesogen. Selten finde ich Personen/Charaktere so faszinierend. Es dauert übrigens auch rund eine Stunde, bis man sie erstmalig dirigieren sieht. Eine großartig gefilmte Szene, eine von so vielen. 

Todd Field hat, bevor er seine drei wunderbaren Filme gedreht hat, als Schauspieler gearbeitet, u.a. für Stanley Kubrick in „Eyes Wide Shut“. Ein Film, den ich damals nicht mochte, weil auch das damalige Paar Nicole Kidman und Tom Cruise die Hauptrollen spielten. Vielleicht hat er sich bei seinem Regisseur aber damals etwas abgeguckt, sein Porträt über Lydia Tár erinnert mit seiner Symbolik und Bildsprache etwas an Kubricks Filme. Als Berlinerin, die häufig in New York ist, liebe ich die Verbindung von New York und Berlin in „Tár“. Ein paar Mal ist sogar mein geliebter Lietzensee (in Berlin-Charlottenburg) kurz zu sehen. 

SPOILER ANFANG 

Über den Film habe ich noch viel nachdenken müssen, besonders in Erinnerung blieben mir folgende Ereignisse oder Szenen:

  • die Szene als Lydia erstmalig länger Deutsch spricht und der Mitschülerin ihrer Tochter droht.
  • Lydia hat ihr Umfeld manipuliert und letztlich hat nicht nur ihr Fehlverhalten, sondern auch ein heimlich aufgenommenes, später entsprechend geschnittenes (also manipuliertes) Video während ihres Unterrichts an der Juilliard School sie zu Fall gebracht. 
  • Lydia wird von den Hinterbliebenen ihrer Nachbarin gebeten, zu bestimmten Zeiten möglichst keinen Krach zu machen. Sie wollen schließlich die Wohnung verkaufen, ihre Reaktion darauf ist großartig
  • Natürlich liebe ich die Szene, in der sie etwas später im Film die Bühne betritt, komplett die Fassung verliert und gegenüber ihrer Vertretung handgreiflich wird. 
  • als Lydia – nachdem sie gefeuert wurde und einen neuen Job in Asien angenommen hat – zur Entspannung einen Massagesalon aufsucht und sich eine der durchnummerierten Masseurinnen aussuchen soll. Für sie ein verstörender Moment, in der ihr vielleicht ihr damaliges Fehlverhalten bewusst wird. Eine perfekte Analogie zu ihrem vorherigen Leben, in dem sie sich immer eine Frau aus ihrem Ensemble aussuchte. 
  • Die Schlussszene in der wir sehen, woran sie mittlerweile gearbeitet hat. Man kann davon ausgehen, dass sie es hasst. 

SPOILER ENDE 

Cate Blanchett weist mit dieser Performance – wie zuvor schon mit ihrer in Blue Jasmine alle anderen Schauspieler in ihre/seine Schranken. Sie hat hier – wieder einmal – einen faszinierenden Charakter (mit eigener Mimik, Gestik, Sprache, Ticks, usw.) geschaffen. In der Liga in der sie spielt, hat sie keine Konkurrenz. Mir fehlt das Vorstellungsvermögen, dass ihr eine andere Schauspielerin noch den dritten Oscar (sie hat bereits einen für „Aviator“ und einen für besagten „Blue Jasmine“ gewonnen) nehmen kann.

Ungewöhnlicherweise kommt der eigentliche Abspann, in der alle am Film Beteiligten gelistet werden, gleich zu Anfang, mit Ausnahme der Schauspieler, die werden zum Schluss genannt. 

Todd Fields erster Film „In the Bedroom“ ist ein großartiger Film, sein zweiter Film „Little Children“ ist einer meiner Lieblingsfilme und sein dritter Film „Tár“ ist bereits jetzt schon festgesetzt in meiner Top Ten für Filme aus dem Jahr 2022. Update: „Tár“ ist zusammen mit Close und Guillermo del Toro´s Pinocchio auf Platz 1 meiner Top Ten-Liste aus dem Jahr 2022 gelandet. 

„Tár“ ist im Gespräch für einige Oscar-Nominierungen, u.a. Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Cate Blanchett), Beste Nebendarstellerin (Nina Hoss, Noémie Merlant, Sophie Kauer), Bester Nebendarsteller (Mark Strong), Bestes Originaldrehbuch und einige technische Kategorien (insbesondere Bester Schnitt, Bester Ton, Beste Kamera) Update: „Tár“ wurde für 6 Oscars nominiert (Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Cate Blanchett – ihre 8. Oscar-Nominierung, 2 hat sie bereits gewonnen), Bestes Originaldrehbuch, Beste Kamera, Bester Schnitt) 

„Tár“ wurde erstmalig auf dem Venice Film Festival 2022 gezeigt. Auf diesem Filmfestival wurde Cate Blanchett mit dem Volpi Cup for Best Actress ausgezeichnet. Der Film ist am 7.10.22 in vier amerikanischen Kinos gestartet. Mittlerweile läuft der Film in 800 Kinos landesweit. In Deutschland soll der Film am 23.02.23 in den Kinos starten.

Trailer zu sehen:

vorgeschaltete Trailer:

Trailer v. Film: „Women Talking“

Bewertung des Trailers: B

Kommentar: Sarah Polleys neuer Film mit Rooney Mara, Claire Foy, Frances McDormand, usw.

Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

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Trailer v. Film: „White Noise“

Bewertung des Trailers: B-

Kommentar: Noah Baumbachs neuer Film mit Adam Driver, Greta Gerwig, Lars Eidinger, usw. 

Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

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Trailer v. Film: „The Inspection“

Bewertung des Trailers: B-

Kommentar: A24-Film mit Jeremy Pope und Gabrielle Union

Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mal gucken

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Trailer v. Film: „Salvatore: Shoemaker of Dreams“

Bewertung des Trailers: B

Kommentar: Luca Guadagninos neue Doku über Salvatore Ferragamo

Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mal gucken 

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Trailer v. Film: „Spoiler Alert“

Bewertung des Trailers: B+

Kommentar: Michael Showalters neuer Film mit Jim Parson, Sally Field, usw. 

Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mal gucken

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2 Gedanken zu “NYC – Film: „Tár“

  1. Oh man, da hat Dir aber mal ein Film gefallen! :))
    158 Minuten schrecken mich etwas ab. Hört sich für mich anstrengend an, die Trailer hatten mir aber gefallen. Irgendwie assoziiere ich mit dem Film Herbert von Karajan, ich weiß auch nicht. Vielleicht dieses Überlegenheitsdenken und die Manipulation von Menschen, er war ja auch sehr umstritten und nicht wirklich gut zu seinen Musikern und Mitmenschen.
    Landet auf jeden Fall auf meiner Sehliste.

    Gefällt 1 Person

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