TV – Film/Serie: „O.J.: Made in America“


Ich habe mir die komplette Staffel folgender ABC/ESPN-Doku-Serie angeschaut:

„O.J.: Made in America“ (in Deutschland am 7.7. 17 und 8.7.17 auf ARTE zu sehen)  5 x approx. 90 min (464 min) documentary
dir. Ezra Edelman cast: O.J. Simpson

 

 

Diese Dokumentation widmet sich der komplexe Persönlichkeit des ehemaligen Football-Stars O.J. Simpson. Sie gibt aber auch einen Einblick in die Rassenkonflikte mit denen sich die U.S.A., aber insbesondere Los Angeles seit vielen Jahren auseinandersetzen muss.

 

 

A- (Wertung von A bis F) „O.J.: Made in America“ war in den U.S.A. dieses Jahr das TV-Event. Irgendwie ist das Jahr 2016 das O.J.-Simpson-Jahr. Die TV-Serie The People v. O. J. Simpson: American Crime Story ist zweifelsfrei eine der besten amerikanischen Miniserien des Jahres 2016 und wurde kürzlich – nicht sonderlich überraschend – für rekordverdächtige 22 Emmys nominiert. „O.J.: Made in America“ ist nun eine knapp achtstündige Dokumentation, die sowohl im amerikanischen Kino als auch im amerikanischen TV gezeigt wurde und sich damit für die Emmys UND die Oscars im nächsten Jahr bewirbt.

Orenthal James Simpson gilt bis heute als einer der besten U.S.-amerikanischen Sportler. Als Afro-Amerikaner hätte er sich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung einsetzen können, das hat er jedoch stets abgelehnt. Eines seiner berühmtesten Zitate ist: „I´m not black – I´m O.J“. Vor allen Dingen wollte er immer von der privilegierten „weißen“ Gesellschaft respektiert werden. Dies ist dem Ausnahmesportler auch gelungen – die Schwarzen haben ihn natürlich trotzdem verehrt. O.J. Simpson ist einer der wenigen afroamerikanischen Helden, der es sogar geschafft hat, dass seine Hautfarbe nie relevant, quasi unsichtbar war. Er hat mit seiner weißen Ehefrau (Nicole Simpson) in einer, vorwiegend von wohlhabenden, weißen Amerikanern bevölkerten Gegend von Los Angeles (Brentwood) gelebt. Irgendwann kamen seine Gewalttätigkeiten gegenüber seiner Ehefrau ans Tageslicht. Als „The Juice“ hat er jedoch eine Sonderbehandlung der L.A.P.D. genossen. Die zahlreichen Notrufe seiner Ehefrau wurden nie richtig ernst genommen. Am 12.06.1994 wurden Nicole Simpson und Ron Goldman brutal ermordet. Es gab eindeutige Beweise für O.J. Simpsons Schuld. Es kam zu einem Gerichtsprozess, der über acht Monate dauerte und live im amerikanischen TV übertragen wurde. O.J. konnte sich die teuersten Anwälte leisten und die kamen schließlich auf die smarte Idee, Rassismus in den Vordergrund des Strafprozesses zu stellen und so von den Mordvorwürfen und den hieb- und stichfesten Indizien abzulenken. Der Ex-Footballer wurde schließlich freigesprochen. O.J. Simpsons Freispruch war – vereinfacht gesagt – nur der Tatsache geschuldet, dass er schwarz ist. Letztlich haben seine Staranwälte O.J.s Hautfarbe genutzt, um vorzuführen, dass Afro-Amerikaner von der Polizei und der Justiz stets vorverurteilt und benachteiligt werden. Nach dem Urteil und seiner Freilassung dachte O.J. er könnte nun so weiterleben wie zuvor, nur galt der Star gemeinhin als schuldig und die privilegierte „weiße Gesellschaft“ wollte jetzt nichts mehr mit ihm zutun haben. Dazu kam, dass er kurze Zeit später in dem Zivilprozess für die Tötung von Nicole Simpson und Ron Goldman zur Verantwortung gezogen und zur Zahlung von 33 Millionen Dollar an die Angehörigen verurteilt wurde. O.J. Simpson, der der afro-amerikanischen Gemeinschaft immer den Rücken gekehrt hatte, suchte – nachdem er von der weißen Gesellschaft abgelehnt wurde – nun deren Anerkennung – und wurde aufgenommen. Einige Jahre später (im Jahr 2007) ist O.J. Simpson mit einigen Bekannten in ein Hotelzimmer in Las Vegas eingedrungen und hat zwei Fanartikel-Händler auf die Rückgabe seiner persönlichen Erinnerungsstücke aus seiner Sportlerzeit gedrängt. Er wurde verhaftet und angeklagt. Für dieses Delikt wurde er wegen bewaffneten Raubüberfall, versuchter Körperverletzung und Geiselnahme angeklagt und verurteilt. Seit nunmehr acht Jahren sitzt er im Gefängnis. Er verbüsst eine 33-jährige Gefängnisstrafe, die nichts mit dem, ihm im Jahr 1994 vorgeworfenen Doppelmord zutun hat. Das verhängte Strafmass gilt gemeinhin als härter als üblich und man wird das Gefühl nicht los, als ob das die späte Rache der Justiz für den Freispruch in dem Doppelmord-Prozess ist.

Die Dokumentation beginnt mit O.J. Simpsons Worten: „As a kid growing up in the ghetto, one of the thing I wanted most was not money, it was fame“. Sie endet mit seinen Worten: „Please remember me as the Juice. Please remember me as a good guy. Please.“

Auch wenn sich O.J. Simpson in diesem Dokuformat nicht selbst zu irgendwelchen Vorwürfen äußert, habe ich die Dokumentation als ihm gegenüber sehr fair empfunden. Ezra Edelmann erzählt in chronologischer Reihenfolge die Lebensgeschichte von O.J. Simpson, er widmet sich intensiv seiner Sportlerkarriere und versucht in knapp acht Stunden dem Phänomen O.J. Simpson auf die Spur zu kommen. Zwischendurch habe ich durchaus Sympathie und auch mal Mitgefühl mit dem Ex-NFL-Star empfunden. Er hat aber zweifelsfrei auch eine dunkle Seite. Der Regisseur dokumentiert O.J.s Wut, seine Eifersucht und seine Prügelattacken. In meinen Augen ist er ein Narzisst und Soziopath. Ich habe nie daran gezweifelt, dass er seine Ex-Frau und Ron Goldman brutal ermordet hat, dafür gab es seinerzeit einfach erdrückende Beweise. Mit diesem Film kann sich aber jeder selbst ein Bild von ihm und den Tatvorwürfen machen. Die Dokumentation gibt aber auch Raum für die, mit Rassenkonflikten gespickte Geschichte der U.S.A. und insbesondere der Bevölkerung von Los Angeles. Durch die TV-Serie „The People v. O.J. Simpson: American Crime Story“ habe ich verstanden, wie es zu dem unfassbaren Freispruch des Doppelmörders gekommen ist, mit „O.J.: Made in America“ wurde mir klar, dass unter den gegebenen Umständen tatsächlich nichts anderes als ein Freispruch möglich war.

In dieser Dokumentation werden unzählige Original-Filmaufnahmen aus der Zeit, Videoaufzeichnungen aus dem Gericht, Tagebucheinträge, private und offizielle Fotos gezeigt und der Filmemacher lässt in 72 Interviews Angehörige, Journalisten, Freunde, Bekannte, Geschäftspartner und Weggefährten von O.J. Simpson, aber auch Anwälte, die Staatsanwältin Marcia Clarke, Mark Fuhrman und andere Polizisten, die in den Fall involviert waren, zu Wort kommen. „O.J.: Made in America“ gibt sehr viel Hintergrundwissen über den „Trial of the Century“. Auch erklären Geschworene, warum sie seinerzeit für den Freispruch stimmten und wie sie das heute sehen.

O.J. Simpson ist eine faszinierende Persönlichkeit und der Fall bleibt einzigartig. Anhand dieser Doku wird einem aber auch klar, dass sich in Sachen Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in letzten 20 Jahren wenig geändert hat.

„O.J. : Made in America“ ist eine exzellente Dokumentation. Ich empfehle jedoch zuerst „The People v. O.J.Simpson: American Crime Story“ zu gucken.

„O.J.: „Made in America“ ist festgesetzt in meiner Top Ten für Filme aus dem Jahr 2016.

„O.J.: Made in America“ ist im Gespräch für eine Oscar-Nominierung als bester Dokumentarfilm. Update: „O.J.: Made in America“ hat eine Oscar-Nominierung als beste Dokumentation erhalten. Gewonnen hat O.J.: Made in America“ den Academy Award für die beste Dokumentation. 

„O.J.: Made in America“ wurde erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2016 gezeigt. Die erste Episode dieses Fünfteilers wurde am 11.06.16 auf dem amerikanischen Sender ABC ausgestrahlt. Die restlichen vier Teile waren dann vom 14.-18.06.16 ausschließlich auf dem amerikanischen Sportsender ESPN zu sehen. „O.J.: Made in America“ konnte bei den diesjährigen Emmy-Awards nicht mit einer Nominierung berücksichtigt werden, dafür hätte die Doku in der Zeit vom 1.6.15 – 31.5.16 ausgestrahlt werden müssen. Eine Emmy-Award-Nominierung im Jahr 2017 ist sehr wahrscheinlich. Für das Jahr 2016 hat diese beeindruckende Dokumentation aber sehr gute Chancen auf einen noch viel größeren Preis, den Academy Award. Um sich für die Academy Awards zu qualifizieren, wurde diese 464-minütige Dokumentation extra zuerst im Mai 2016 in Kinos in New York und in L.A. County gezeigt. Nach den AMPAS-Regeln muss eine Dokumentation außerdem eine Filmkritik (eine Fernsehkritik ist nicht ausreichend) von der New York Times oder der L.A. Times erhalten. Es wäre die erste TV-Serie, die einen Oscar-erhalten würde.

Trailer zu sehen:

 

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2 Gedanken zu “TV – Film/Serie: „O.J.: Made in America“

  1. Ja, geht mir auch so, ich habe so viele Serien zu sehen und nie genügend Zeit. 🙂

    Netflix hat es ja letztes Jahr mit ihrem Film „Beasts of No Nation“ gemacht, aber für eine „Serie“ ist das tatsächlich ungewöhnlich. Aber eigentlich ist es ja eine Dokumentation in einem etwas ungewöhnlichen (weil fast 8 Stunden lang) Format. Die Strategen, die hinter dieser Kampagne stecken wissen schon was sie machen. Sehr smart alles.

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