San Francisco – Film: "Blue Jasmine"


Ich war am 10.08.13 in San Francisco und habe mir im Kino angeschaut:

„Blue Jasmine“ (dt. Kinostart: 07.11.13) 98 min drama
dir. Woody Allen cast: Cate Blanchett, Bobby Carnavale, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Louis C.K., Andrew Dice Clay, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg

Die New Yorkerin Jasmine (Cate Blanchett) ist gewohnt, im Luxus zu leben. Ihr Ehemann Hal (Alec Baldwin) war Finanzjongleur, ist mit seinen Betrügereien aufgeflogen und sitzt im Gefängnis. Dadurch hat auch Jasmine jetzt alles verloren, die Eigentumswohnung, das Haus in den Hamptons, ihren Schmuck und das gesamte Geld – alles wurde beschlagnahmt. Jasmine ist pleite. Sie muss ihr komplettes Leben umstellen. Für den Neuanfang kommt sie zunächst bei ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins) in San Francisco unter. Jetzt muss sie auch erstmalig ihr eigenes Geld verdienen, nur was macht man, wenn man gar keine Ausbildung hat? Jasmine ist mit der Gesamtsituation überfordert…

B+ (Wertung von A bis F) Schon mit den ersten Szenen war mir bewusst, dass ich jetzt wieder einen der besseren Woody-Allen-Filme zu sehen bekomme. Ein Hauptgrund dafür ist zweifelsohne, dass Woody Allen hier nicht mitspielt und auch keine ihm ähnelnde nervende Neurotiker-Figur in diesem Film einen Platz findet.

„Blue Jasmine“ ist ein Drama, bei dem auch gelacht werden kann. Noch präziser ist es aber eine Charakterstudie über die, zugegebenermaßen auch etwas neurotische Jasmine, gespielt von Cate Blanchett. Ein verwöhntes Luxusweibchen, der nur noch ihre teuren Designerklamotten geblieben sind. Für einen Neuanfang fliegt sie an die Westküste der U.S.A. und kommt, bis sie auf eigenen Beinen steht, bei ihrer Schwester Ginger unter. Die beiden Schwestern stehen sich nicht sehr nahe, viel zu unterschiedlich war ihr Werdegang. Ginger lebt in sehr einfachen Verhältnissen.

Woody Allen hat Jasmine erschaffen. Eine ehemals wohlhabende Frau, leicht überheblich und nicht gewillt, ein „normales“ Leben zu führen. Die Figur mag vielleicht leicht überzeichnet sein, für mich zeugt sie aber von guter Beobachtungsgabe. Vermutlich hat Woody Allen beim Kreieren von Jasmine auch die eine oder andere seiner Bekanntschaften von der Upper East Side einfließen lassen.

Cate Blanchett hat Jasmine zum Leben erweckt. Einzig ihr ist es zu verdanken, dass man Woody Allens Jasmine als reale Person sieht, für sie sogar so etwas wie Mitgefühl aufbringt. Nach ihrem jahrelangen Luxusleben kann und möchte sie nicht wahrhaben, dass ihr Leben im Reichtum ein Ende hat. Sie hat früh geheiratet, nie gearbeitet und war immer versorgt. Kann sie überhaupt ein so einfaches Leben führen? Sie trägt weiter ihre Designerklamotten und mir kam es fast trotzig vor, wie sie ihre edle Birkin Bag immer mit sich herumschleppt. Sie trinkt zu viel Alkohol, schluckt zu viel Antidepressiva, führt Selbstgespräche und steht immer nahe an einem Nervenzusammenbruch. Sie steht sich selbst im Weg. Als Zuschauer wünscht man ihr, dass sie die Kurve kriegt. Cate Blanchett hat in einem Interview angegeben, dass sie zur Vorbereitung auf diese Rolle, verschiedene Frauentypen in der Öffentlichkeit studiert hat.

Cate Blanchett gibt eine dieser seltenen Performances, bei denen mein Herz schneller schlägt und um mich herum im Kino sonst was hätte passieren können, Hauptsache ich kann ihr weiter zuschauen.

Was die australische Ausnahme-Schauspielerin Cate Blanchett hier hinlegt, ist große Schauspielkunst. Was hat nicht schon alles überzeugend gespielt. Um nur an vier Beispielen ihre Vielseitigkeit aufzuzeigen: sie war Königin Elizabeth I., sie war die Elbenfürstin in Mittelerde, sie war Katharine Hepburn und, ja, sie war sogar schon Bob Dylan. Für ihre Rolle als Katharine Hepburn in „The Aviator“ hat sie einen Oscar gewonnen (sie hat vier weitere Oscar-Nominierungen). Wenn ich Cate Blanchett in Blue Jasmine sehe, ärgere ich mich zwangsläufig wieder mal über die Academy. Sicherlich verstehe ich die Politik, die sich hinter der Verleihung der Academy Awards verbirgt, aber wenn man weiß wer (beispielsweise: Julia Roberts, Reese Witherspoon, Renée Zellweger, Jennifer Hudson, Sandra Bullock und und und) und wofür die Damen einen Oscar gewonnen haben, möchte man für Cate Blanchett einen eigenen Preis erfinden. Sie spielt einfach in einer ganz anderen, eigenen Liga.

Herausragend fand ich auch Bobby Cannavale und – ja – Sally Hawkins. Die Sally Hawkins, die ich noch in „Happy-Go-Lucky“ unerträglich fand, hat mir zwar bereits in An Education, Never Let Me Go und Jane Eyre gefallen, in „Blue Jasmine“ ist sie aber exzellent. Eine Oscar-Nominierung würde ich durchaus nachvollziehen können. Lobend erwähnen muss man aber eigentlich das gesamte Ensemble (Michael Stuhlbarg, Peter Sarsgaard, Louis C.K., Andrew Dice Clay, Alec Baldwin).

Selbstverständlich ist Cate Blanchett im Gespräch für eine Oscar-Nominierung im Jahr 2014. Da die Stimme und Sprache ebenso zu ihrer Performance gehört, empfehle ich dringend, diesen Film unbedingt im Original zu sehen. Für „Blue Jasmine“ sind derzeit ebenfalls Oscar-Nominierungen denkbar: Bester Film, Bester Regisseur, Bester Nebendarsteller (Alec Baldwin, Andrew Dice Clay, Bobby Cannavale), Beste Nebendarstellerin (Sally Hawkins). Update: Cate Blanchett wurde für ihre Rolle in „Blue Jasmine“ mit dem Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

In meiner sehr gut besuchten Vorstellung wurde zum Ende applaudiert.

Trailer zu sehen:

vorgeschaltete Trailer:

Trailer v. Film: „The Artist and the Model“
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: französisch-spanisches Drama mit Jean Rochefort und Claudia Cardinale
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 80%

Trailer v. Film: „I Give It a Year“
Bewertung des Trailers: B
Kommentar: Britische Komödie mit Oliva Colman, Rose Byrne, Rafe Spall und Minnie Driver
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 80%

Trailer v. Film: „Europa Report“
Bewertung des Trailers: C
Kommentar: Sci-Fi-Film mit Sharlto Copley
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

Trailer v. Film: „Cutie and the Boxer“
Bewertung des Trailers: B
Kommentar: Dokumentation über den japanischen Künstler Ushio Shinohara und seine Frau
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 80%

Trailer v. Film: „The Patience Stone“
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: afghanisches Kriegsdrama
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

10 Gedanken zu “San Francisco – Film: "Blue Jasmine"

  1. Hm, bin ja mittlerweile gebranntes Kind was Woody Allen angeht, allerdings hört sich dieser wirklich gut an.
    Dann werde ich ihm wohl doch noch mal eine Chance geben.
    Und Du willst tatsächlich „I Give It a Year“ sehen? :))
    Ich fand den echt grenzwertig.

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  2. Ja, ich habe mit so vielen Woody Allen-Filmen auch ein Problem, hauptsächlich liegt es bei mir aber daran, dass mir die meisten neurotischen Figuren total auf die Nerven gehen.

    Ach siehste, als ich den Trailer gesehen habe, habe ich mich noch kurz erinnert, dass Du vor einiger Zeit mal über einen Film mit Minnie Driver berichtet hast. Der Titel hier sagte mir aber nichts. Habe bei Dir noch mal nachgelesen, vielleicht ist es hier aber wieder einer dieser Filme, der wesentlich besser in der OV funktioniert. Der Trailer hat mir jedenfalls gefallen. Ich liebe einfach Olivia Colman. Mal gucken, wahrscheinlich gucke ich ihn eher auf DVD. 🙂

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  3. Ups sorry, ich meinte das nicht ironisch. Mich hat’s nach dem ersten Entsetzen (also wegen Cate) tatsächlich beschwichtigt, als Paltrow vor Rührung geweint hat. Ist mir lieber als Leute, die nur schnell ihre Dankesliste abarbeiten xD.

    Jaaa, Day Lewis war für mich die schönste Dankesrede des Abends (ein Tick vor Affleck).

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  4. Hab ihn unter der Woche auch endlich gesehen. Aww, unterm Strich viel trauriger, als ich erwartet hab… und Cate war natürlich toll. Wenn sie gegen Sandra verliert, guck ich die Oscars nie wieder, ich schwör! ;D

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  5. Ja, genau habe ich auch seinerzeit geschrieben, ein Drama, bei dem auch gelacht werden darf. 🙂

    Cate ist der Wahnsinn und es sind Welten zwischen ihrer Performance und Sandra Bullocks. Welten!!! Dann sind wir uns ja einig. Für mich wird es echt ein emotionales Oscar-Jahr. :no:

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