Berlin (ale) – Film: „The Souvenir“

Ich war am 12.02.19 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„The Souvenir“  114 min  drama 

dir. Joanna Hogg  cast: Honor Swinton-Byrne, Tom Burke, Tilda Swinton, Richard Ayoade, Jack McMullen

 

Anfang der 1980er Jahren in England. Die Filmstudentin Julie (Honor Swinton-Byrne) arbeitet an ihrem ersten Filmprojekt. Auf einer Party lernt sie den, um einiges älteren Anthony (Tom Burke) kennen. Sie fühlt sich von ihm angezogen und auch inspiriert. Anthony verheimlicht Julie jedoch etwas…

 

C- (Wertung von A bis F) „The Souvenir“ ist der vierte Film der britischen Autorin und Filmemacherin Joanna Hogg („Unrelated“, „Archipelago“, „Exhibition“). Der Film ist semiautobiografisch, die Filmstudentin Julie ist eine Art fiktive Version der Filmemacherin in jungen Jahren. „The Souvenir“ ist als zweiteiliger Spielfilm geplant. Die Dreharbeiten zu der Fortsetzung sollen noch im Sommer 2019 beginnen. 

Wenn keine solide Story im Vordergrund des Films steht, findet man oftmals durch den Protagonisten einen Zugang zu dem Gezeigten. Die Protagonistin Julie taugt aber weder als Identifikationsfigur noch ist sie, in meinen Augen, sonderlich interessant oder sympathisch. Da mich aber weder die Handlung noch die Charaktere zu fesseln wussten, hätten es noch die Idee des Films, die Inszenierung oder vielleicht herausragende Schauspieler schaffen können. Gegen die Idee, im Groben: ein Film über das Filmemachen verbunden mit einer Liebesgeschichte, ist nichts einzuwenden. Die Inszenierung wirkt aber sehr improvisiert und experimentell und auch wenn der Humor hin und wieder etwas durchscheint, ist das Ganze doch eine recht öde Veranstaltung. Es hätte vielleicht geholfen, wenn die Hauptdarstellerin Honor Swinton Byrne optisch eine gewisse Ähnlichkeit oder wenigstens eine ähnliche Präsenz wie ihre tolle Mutter Tilda Swinton hat. Hat sie aber nicht leider nicht und entsprechend ist jeder noch so  kurze Auftritt der ausdrucksstarken Mama herzlich willkommen. Den Rest des Films hatte ich bereits kurz nach dem Berlinale-Besuch wieder vergessen.

„The Souvenir“ ist der erste Part eines zweiteiligen Projekts. Während an ein paar vereinzelten Stellen in diesem Film gelacht wurde, konnte ich die größten Lacher vernehmen,  als nach dem extrem zähen Film und dem langen Abspann ganz am Ende angekündigt wurde, dass es in Kürze einen zweiten Teil gibt. 

Nach einem kurzen Auftritt in Luca Guadagninos Film „I Am Love“ ist dies das offizielle Spielfilmdebüt von Honor Swinton-Byrne. 

„The Souvenir“ wurde erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2019 gezeigt. Dort hat die Filmemacherin den World Cinema Dramatic Grand Jury Prize gewonnen. Der Film lief in der Internationalen Premiere auf der Berlinale, Sektion Panorama. Ich habe den Film auf der Berlinale gesehen. Gezeigt wurde die Originalfassung. Die Filmemacherin, die Hauptdarstellerin Honor Swinton-Byrne, die Schauspieler Tom Burke, Jaygann Ayeh und auch Tilda Swinton und einige der Produzenten und andere Crew-Mitglieder waren anwesend. Der New Yorker Filmverleih A24 bringt diesen Film voraussichtlich am 17.05.19 in den U.S.A. ins Kino. Für Deutschland ist noch kein Kinostart bekannt. 

Trailer zu sehen:

 

Nach der Berlinale-Vorführung v. „The Souvenir“ die Filmemacherin Joanna Hogg (v. r.), die Schauspieler Honor Swinton Byrne, Tilda Swinton, Tom Burke und Jaygann Ayeh.

Berlin (ale) – Film: „Skin“

Ich war am 11.02.19 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Skin“(dt. Kinostart: 03.10.19)   117 min  drama, biopic

dir. Guy Nattiv  cast: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga, Bill Camp, Mike Colter, Zoe Colletti, Colbi Gannett, Kylie Rogers, Louisa Krause, David Henshall

 

Bryon Widner (Jamie Bell) gehört seit vielen Jahren der US-amerikanischen Neonazi-Szene an. Einst wurde er von dem Anführer Fred (Bill Camp) und seiner Frau Shareen (Vera Farmiga) von der Straße geholt und in die „Familie“ aufgenommen. Um die Treue zu der Gruppe zu beweisen, liess er sich über die Jahre am ganzen Körper und im Gesicht tätowieren. Nachdem er die dreifache Mutter Julie (Danielle MacDonald) kennenlernt, beschließt er irgendwann aus dieser Szene aussteigen. Er zieht mit seiner neuen Familie sogar an einen anderen Ort. Doch so einfach ist das nicht, dem rechtsextremen Milieu zu entkommen…

 

B (Wertung von A bis F) „Skin“ wurde von wahren Begebenheiten inspiriert. Es ist ein biografischer Film über den berühmten amerikanischen Neonazi-Aussteiger Bryon Widner, der sich in vielen schmerzhaften Behandlungen, seine Tätowierungen im Gesicht und am gesamten Körper entfernen liess. Es ist der neue Film des israelischen Filmemachers Guy Nattiv („Strangers“). Dies ist sein erster englischsprachiger Spielfilm. Guy Nattivs gleichnamiger Kurzfilm, der vor einer Woche, bei den 91st Academy Awards, den Oscar als bester Kurzfilm gewonnen hat, liegt diesem Film nicht zugrunde. Beide Filme sind in einem ähnlichen Umfeld angesiedelt, es gibt sogar eine bestimme Szene, die sowohl in dem Kurz- als auch dem Spielfilm zu sehen ist, die australische Schauspielerin Danielle Macdonald spielt in beiden Projekten mit, aber ansonsten erzählen beide Werke eine unterschiedliche Geschichte.  

Vor zwanzig Jahren war ich auf der Europapremiere des Films „American History X“. Anschließend gab es eine Podiumsdiskussion moderiert von Ulrich Wickert mit u.a. Michel Friedman, der – wie üblich – ungefähr 90% Redezeit für sich beanspruchte, ach ja und der Hauptdarsteller Edward Norton war auch da. Warum ich das erzähle? Weil mich dieser Film und Edward Nortons Performance (für die er seine 2. Oscar-Nominierung damals erhalten hat) damals umgehauen haben und Filme, die in der US-amerikanischen Neonazi-Szene spielen sich von mir wohl auf ewig damit vergleichen lassen müssen.

„Skin“ war für mich keine so intensive Filmerfahrung wie Tony Kayes Film, auch kommt Jamie Bells Performance nicht an die von Edward Norton heran. Dennoch hat der Film und einige der Performances bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. 

Zunächst waren es die beiden hervorragenden Schauspieler Bill Camp und Vera Farmiga in, für beide äußerst ungewöhnlichen Rollen als furchteinflössender Anführer dieser Neonazis-Gruppierung, die mich in die Geschichte zogen. Der Filmemacher arbeitet hier dann aber viel mit Nahaufnahmen, was eine intime Atmosphäre bzw. Nähe zu den Protagonisten Bryon und Julie (gespielt von Jamie Bell und Danielle MacDonald) schafft. Bryons Tätowierungen, insbesondere die im Gesicht haben mich leider immer etwas rausgebracht (auch weil ich mich immer fragen musste, wie man eigentlich so blöd sein kann). Bryons späterer Gesinnungswandel wird für mich hier nicht wirklich glaubwürdig herübergebracht. Das ging mir etwas zu schnell. Bryon ist schon ewig in dieser Szene, trägt seinen Hass für alle sichtbar auf der Haut und nur weil er sich verknallt, will er aussteigen?  Aber gut, irgendwann distanziert er sich und steigt schließlich aus der rechtsextremistischen Szene aus, lebt dann mit Julie und ihren Kindern zusammen findet aber aus plausiblen Gründen (Gesichtstätowierungen) keinen normalen Job und seine ehemalige Szene macht es dem Aussteiger natürlich auch schwer. Parallel zum Geschehen werden immer wieder einzelne, der insgesamt 612 schmerzhaften Laser-Behandlungen gezeigt, mit denen sich Bryon die Tätowierungen im Gesicht und am Körper entfernen liess.

Alles in allem ist „Skin“ ein krasses und auch spannendes Charakter- und Familiendrama. 

Jamie Bell, der seinen Durchbruch als „Billy Elliot“ hatte, habe ich erstmalig wieder im letzten Jahr in dem „Film Stars Don´t Die in Liverpool“ richtig wahrgenommen. Ich war überrascht, dass aus ihm ein toller Mann und ernstzunehmender Schauspieler geworden ist. 

„Skin“ wurde erstmalig auf dem Toronto International Film Festival 2018 gezeigt. Auf der Berlinale 2019 lief der Film in der europäischen Premiere und in der Sektion Panorama. Ich habe den Film  auf diesem Filmfestival gesehen. Gezeigt wurde der Film in der Originalfassung. Der Filmemacher Guy Nattiv und die beiden Hauptdarsteller Jamie Bell und Danielle MacDonald waren anwesend und zeigten sich auch noch einmal nach dem Film kurz auf der Bühne. Für den amerikanischen Markt wurde der Film von A24 erworben, bislang ist jedoch noch kein Kinostart anvisiert. Für Deutschland ist derzeit auch noch kein Kinostart bekannt. Update: „Skin“ startet im amerikanischen Kino am 26.07.19 und im deutschen am 03.10.19.

Bislang gibt es leider noch keinen Trailer von dem Spielfilm, Update: Trailer von Skin:

 

Europa-Premiere des Films „Skin“. Nach der Vorstellung zeigten sich der Regisseur Guy Nattiv und die Schauspieler Danielle Macdonald und Jamie Bell (v. links) auf der Bühne.

Berlin (ale) – Film: „Light of My Life“

Ich war am 10.02.19 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Light of My Life“  110 min  drama

dir. Casey Affleck  cast: Anna Pniowksky, Casey Affleck, Tom Bower, Elisabeth Moss, Hrothgar Mathews, Timothy Webber 

 

Ein Vater (Casey Affleck) zeltet mit seiner 11-jährigen Tochter Rag (Anna Pniowksky) mitten im Wald. Die beiden machen jedoch keinen Campingausflug, vor einigen Jahren brach eine Pandemie aus, wodurch die weibliche Population nahezu ausgelöscht wurde. Rag ist scheinbar immun gegen den Virus. Bei Begegnungen mit anderen Männern versucht der Vater, sein Kind zu verstecken oder als Junge auszugeben. Bald müssen sie sich jedoch wieder einen neuen Zufluchtsort suchen…

 

B+ (Wertung von A bis F) „Light of My Life“ ist nach einer Kollektion an Kurzfilmen und der Mockumentary  I´m Still Here die dritte Regiearbeit des amerikanischen Schauspielers und Oscar-Preisträgers Casey Affleck (Manchester by the Sea). Für diesen Film hat er auch das Drehbuch geschrieben und spielt eine der Hauptrollen. 

Zu Beginn hat mich dieser Film an Debra Graniks wunderbares Werk Leave No Trace erinnert. Auch hier leben Vater und Tochter im Wald, fern von jeglicher Zivilisation. Nur in Casey Afflecks Film – so erfährt man bald – ist vor Jahren eine Pandemie ausgebrochen, die einen erheblichen Teil der weiblichen Population ausgelöscht hat. Was es mit dem Virus auf sich hat, wird weitgehend offen gelassen, ist auch nicht relevant, ohne Frauen ist die Gesellschaft aus der Balance geraten. Gerade die Vorstellung, wie wohl eine Gesellschaft ohne Frauen aussieht, fand ich faszinierend. Gerne wäre ich da noch etwas tiefer eingetaucht. Affleck konzentriert sich in seiner Erzählung jedoch hauptsächlich auf die beiden Protagonisten. Seine Inszenierung macht es einem leicht, sich in die  Charaktere und ihrer Situation hineinzuversetzen. So spürt man, sobald Fremde auf der Bildfläche auftauchen, auch die Bedrohung und man wird immer tiefer in ihre Geschichte hineingezogen.  

Was ich jedoch nicht verstanden habe, warum handelt der Vater in der vorgegebenen Situation eigentlich so verantwortungslos und hat seiner Tochter nicht beigebracht, wie sie notfalls ohne ihn zurecht kommen und überleben kann. Wäre das nicht seine Aufgabe? Stattdessen erzählt er seiner 11-Jährigen dass er sie immer beschützen wird. 

„Light of My Life“ ist ein sehr langsam erzähltes, atmosphärisches Überlebensdrama, dass durch seine beiden Protagonisten lebt. Einige spannungsgeladenen Momente, in diesem sonst ruhigen Film, sind mir noch heute sehr präsent. 

„Light of My Life“ wurde erstmalig auf der Berlinale 2019 gezeigt. Dort lief er in der Sektion Panorama. Ich habe den Film auf der Berlinale gesehen. Gezeigt wurde die Originalfassung. Der Film hat derzeit weder einen amerikanischen noch einen deutschen Verleih gefunden. Update: „Light of My Life“ ist am 9.8.19 in einigen amerikanischen Kinos gestartet. 

Bisher gibt es noch keinen Trailer, aber einen kurzen Ausschnitt aus der Anfangsszene :

 

Berlin (ale) – Film: „Grâce à Dieu“

Ich war am 9.2.19 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Grâce à Dieu“ (englische Filmtitel: „By the Grace of God“, dt. Filmtitel: „Gelobt sei Gott“)  137 min   drama

dir. Francois Ozon  cast: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Éric Caravaca, Francois Marthouret, Aurelia Petit 

Der 40-jährige Banker Alexandre Guérin (Melvil Poupaud) lebt mit seiner Frau (Aurelia Petit) und seinen fünf Kindern in Lyon. Kürzlich hat er erfahren, dass der Priester, der ihn als Kind sexuell mißbraucht hat, immer noch mit Kindern arbeitet. Der streng gläubige Alexandre sucht die Aussprache mit dem jetzigen Kardinal Philippe Barbarin (Francois Marthouret) und stellt sogar den Priester (Bernard Verley), der ihn sexuell mißbrauchte zur Rede. Der leugnet seine Taten nicht, stellt sich aber auch selbst als Opfer dar. Irgendwann finden sich mehrere Opfer dieses Priesters zusammen…

 

B+ (Wertung von A bis F) „Grâce à Dieu“ basiert auf wahren Begebenheiten. Es geht um den Skandal des französischen Priesters Bernard Preynat, der mutmaßlich viele Jungen sexuell mißbraucht hat. Derzeit stehen mehrere hochrangige katholische Geistliche (darunter auch der Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin) in Frankreich vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, von den Vorgängen des Missbrauchs durch diesen Priester gewusst, sie aber nicht zur Anzeige gebracht zu haben. Ein Urteil wird am 7.3.19 erwartet. Dem Priester Preynat steht ein separater Prozess bevor. „By the Grace of God“ ist der neue Film des französischen Autors und Filmemachers Francois Ozon („8 Women“, „Swimming Pool“, Frantz) 

„Grâce à Dieu“ erinnert etwas an den Oscar-Gewinnerfilm Spotlight, bei dem es auch um den sexuellen Missbrauch katholischer Priester geht. Der hervorragende amerikanische Film basiert auf einer wahren Geschichte. Da deckten investigative Journalisten auf, dass über 80 pädophile Priester im Raum Boston Kinder missbraucht hatten und die katholische Kirche versuchte, den Missbrauch unter den Teppich zu kehren. In diesem französischen Film wird nun eine weitere wahre Geschichte erzählt. Hier ist es ein französischer Priester, der in mehr als 70 Fällen mutmaßlich Kinder missbraucht hat. Hier sind es aber drei frühere Opfer des Priesters (Alexandre, Francois und Emmanuel), durch die wir als Zuschauer sehen, wie sich sich der Missbrauch in der Kindheit auf ihr Leben auswirkt und wie schwer es für sie ist, „gehört“ zu werden. Einige der Opfer von Priester Preynat gründeten den Verein „La parole libérée“, suchten nach weiteren Leidensgenossen, erweckten irgendwann mediales Interesse und erwirkten schließlich, dass einige hochrangige katholische Geistliche von Lyon vor Gericht landeten. 

Der deutsche Filmtitel ist etwas unglücklich gewählt, eigentlich müsste er „Gott sei Dank“ heißen, so sagte der Kardinal Barbarin, der nun vor Gericht steht, irgendwann in einer Pressekonferenz, in der es um die Missbrauchsvorwürfe gegen Priester Bernard Preynat ging, „Gott sei Dank, seien die meisten Taten bereits verjährt“. 

Aufgrund dieser Affäre wurde in Frankreich die Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch von 20 auf 30 Jahren, mit Beginn der Volljährigkeit, hochgesetzt. 

Schauspielerisch fand ich insbesondere die drei Männer, die Alexandre, Francois und Emmanuel spielen (Melvil Poupaud, Denis Ménochet und Swann Arlaud) glaubwürdig. Swann Arlaud gab eine besonders starke Performance. 

„Grâce à Dieu“wurde erstmalig Anfang Dezember 2018 in Frankreich gezeigt. Auf der Berlinale lief der Film als Internationale Premiere im Wettbewerb. Auf diesem Filmfestival wurde der Film mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ich habe den Film auf der Berlinale gesehen. Gezeigt wurde die französische Originalfassung mit englischen und deutschen Untertiteln. Bislang hat der Film weder einen amerikanischen, noch einen deutschen  Verleih gefunden. In Frankreich startet der Film heute (20.02.19) regulär in den Kinos, auch wenn der Anwalt des Priesters Bernard Preynat versucht hatte, den Kinostart zu verhindern. 

Trailer zu sehen:

 

 

Berlin (ale) – Film: „Der Goldene Handschuh“

Ich war am 10.02.19 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Der Goldene Handschuh“ (englischer Filmtitel: „The Golden Glove“, dt. Kinostart: 21.02.19)   110 min  drama, adaptation, biopic  

dir. Fatih Akin  cast: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eltner-Acheampong, Hark Bohm, Jessica Kosmalla, Barbara Krabbe, Tilla Kratochwil, Uwe Rohde, Marc Hosemann

 

In den 1970er Jahren in Hamburg. Die Kiez-Kneipe „Der Goldene Handschuh“ ist Heimat für viele gescheiterte Existenzen. Der Hilfsarbeiter Fritz Honka (Jonas Dassler) reißt hier ältere, alleinstehende Frauen auf, betrinkt sich mit ihnen und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Niemand bemerkt dabei, dass einige der Frauen für immer verschwinden…

 

C- (Wertung von A bis F) „Der Goldene Handschuh“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk. Dem Film und der Filmvorlage liegt der reale Fall des Frauenmörders Fritz Honka zugrunde. Es ist der neue Film des deutschen Filmemachers Fatih Akin („Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“, „Aus dem Nichts“).

Vielleicht hätte ich mir einfach eine reine Milieustudie gewünscht. Wenn Fatih Akin Ansätze in seinem Film davon zeigt, war ich durchaus begeistert. Angefangen von den ausgewählten Typen, den Nebenschauspielern bis hin zu den authentischen Kostümen, dem Szenenbild inklusive der detailgetreuen Accessoires (sowohl in der Kiez-Spelunke als auch in Honkas völlig überladener Mansardenbude). Dann taucht aber immer wieder Quasimodo (also nicht wirklich Quasimodo, aber einer der so aussieht) auf als würde der aus einem Parallelfilm stammen, den man irgendwie dazwischen geschnitten hat. Oft wird bei Filmen, die auf Geschichten realer Personen basieren, am Ende Originalfotos eben dieser Persönlichkeiten eingeblendet. Hier macht es den Anschein, als würde Fatih Akin den Zuschauern ein Beweisfoto liefern wollen, seht her: er sah wirklich übel  aus. Gut, Fritz Honka war nun keine Schönheit, aber wie der Serienmörder in diesem Film darstellt wird, ist er von geradezu absurder Hässlichkeit geprägt. Die meisten Szenen mit diesem gestörten Fritz Honka sind entweder unfreiwillig komisch oder ekel- und grauenhaft, definitiv aber unnötig in die Länge gezogen. Bei den Gewaltszenen hört Honka 1970er-Jahre-Schlagermusik, was in diesem Film auch als Stilmittel gebraucht wird und damit zu gewollt und aufgesetzt wirkt. Lieber schnell wieder zurück in die authentische Arme-Leute-Kneipe, da ist dann auch die Schlagermucke ertragbar und der Film irgendwo doch gar nicht so schlecht. 

„Der Goldene Handschuh“ wurde erstmalig auf der Berlinale 2019 gezeigt. Dort lief der Film im Wettbewerb. Ich habe ihn auf diesem Filmfestival gesehen. Gezeigt wurde die deutsche Originalfassung mit englischen und deutschen Untertiteln. Der Film hat derzeit noch keinen amerikanischen Verleiher gefunden. „Der Goldene Handschuh“ startet am 21.02.19 in den deutschen Kinos. 

Trailer zu sehen:

 

Berlinale 2019 

Man könnte meinen, ein Filmfest in meiner Heimatstadt würde mich weniger stressen als eines in New York oder München. Weit gefehlt. Im direkten Vergleich zu dem Tribeca Film Festival und den New York Film Festival (die ich beide seit einigen Jahren regelmäßig besuche) ist die Berlinale generell unübersichtlich. Die Website der 69. Berlinale gleicht einer Katastrophe. Das Mini-Kontingent an Online-Tickets ist längst nicht mehr zeitgemäß. Ich kann auch gar nicht nachvollziehen, warum sich Leute immer noch in Massen an den Vorverkaufs- und Tageskassen anstellen. Ihnen bleibt aber wahrscheinlich nichts anderes übrig, da die Online-Tickets innerhalb von, manchmal Sekunden ausverkauft sind. Da ich mich grundsätzlich nicht für Berlinale-Tickets irgendwo anstelle, kann ich nur von Glück sprechen, dass ich tatsächlich auf der Website fünf Karten für fünf Filme, die auch alle sehen wollte, ergattern konnte. Richtig verärgert mich jedoch der völlig ungeordnete Einlass ins Kino. Das ist wirklich beispiellos. Da bilden sich also am Eingang vor dem Kino zwei Schlangen, eine für die Kartenbesitzer und eine für die Akkreditierten (soweit normal). Irgendwann bilden sich aber Nebenschlangen (es gibt immer Leute die sich für besonders schlau halten bzw. sich einfach, weil sie später kommen, nicht in die lange Schlange einreihen wollen) und wenn dann das Kino (der Eingang) geöffnet wird, stürmen alle gleichzeitig von überall los und drängeln was das Zeug hält. Unfassbar. Vielleicht ist das eine menschliche Reaktion, aber dann muss hier von den Organisatoren für Ordnung gesorgt werden. (Bei beiden Filmfestivals in New York  werden zig Freiwillige für die Zeit angestellt und simple Absperrungen verhindern ein Vordrängeln). Wie es auf der Berlinale abläuft ist es jedenfalls völlig chaotisch und extrem nervig für alle Festivalteilnehmer. 

Berlin (ale) – Film: „Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“

Ich war am 21.02.18 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“ (dt. Filmtitel: „Don´t Worry, weglaufen geht nicht“, dt. Kinostart: 23.08.18) 113 min  drama, comedy, biopic, adaptation  
dir. Gus Van Sant cast: Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Mark Webber, Udo Kier, Beth Ditto, Kim Gordon

 

John Callahan (Joaquin Phoenix) war bereits vor seinem Autounfall Alkoholiker. Bei dem Unfall wurde er so schwer verletzt, dass er fortan mit einer Querschnittslähmung leben muss. Seitdem er 21 Jahre alt ist, sitzt er nun bereits im Rollstuhl und versucht seither, einen Sinn im Leben zu finden. Dabei helfen ihm irgendwann u.a. seine Meetings mit der Anonyme-Alkoholiker-Gruppe, die von dem schwerreichen, exzentrischen Donnie (Jonah Hill) geleitet wird.

 

B- (Wertung von A bis F) „Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“ basiert den gleichnamigen Memoiren des amerikanischen Cartoon-Zeichners John Callahan. Es ist der neue Film des Autors und Filmemachers Gus Van Sant („My Own Private Idaho“, „Good Will Hunting“, Milk)

Der Film springt häufig in seiner Erzählstruktur von einer Zeit- und Bedeutungsebene zur anderen. Vor dem Unfall, unmittelbar anschließend, bei zahlreichen Gruppensitzungen der Anonymen Alkoholiker, bei seinen ersten beruflichen Erfolgen als Cartoonist, Trinkgelagen, Szenen mit seiner Freundin, bei einem Auftritt des Cartoonisten vor Publikum, etc. Die schwarzhumorigen Cartoons des Portraitierten ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film, auch beginnt Gus Van Sant später, die Handlung anhand des Zwölf-Schritte-Programms der Anonymen Alkoholiker etwas zu gliedern. Letzteres war keine schlechte Idee, vielleicht hätte Gus Van Sant diese Unterteilung konsequenter durch die gesamte Erzählung ziehen oder selbige etwas chronologischer aufbauen sollen. So wirkte die Handlung etwas unaufgeräumt, aber vielleicht auch wieder passend für das verkorkste Leben des einst heftig trinkenden Comic-Zeichners und Karikaturisten. Am Ende ist der Film auch eher ein Porträt und man hat nachher  auch ein recht gutes Bild von diesem John Callahan. Nicht zuletzt, ist dies natürlich Joaquin Phoenix zu verdanken. Er ist sicherlich einer besten Schauspieler unserer Zeit, befreit von jeglicher Eitelkeit führt er einen immer verlässlich durch Geschichten. Selbstverständlich weiß er auch hier zu begeistern und ist glaubwürdig in der Rolle des durchgeknallten Lebenskünstlers (auch wenn mich seine schlechten Perücken mitunter etwas verschreckt haben). Es ist jedoch ein anderer Schauspieler, der diesen Film besonders sehenswert macht: Jonah Hill.

Es ist nicht das erste Mal, dass der, bereits zwei Mal für den Oscar nominierte Schauspieler anderen die Show stiehlt. Hier spielt er den ultrareichen, hippieesken Sponsor von u.a. John Callahan. Er ist kaum wiederzukennen und ich hatte tatsächlich bei jeder seiner Szenen Herzrasen. Für mich ein sicheres Zeichen, wie sehr mich seine Performance umgehauen hat. Am Ende hätte ich mir eigentlich gewünscht, ein Film über diesen Donnie zu sehen.

Die amerikanische Sängerin Beth Ditto gibt hier ihr Spielfilmdebüt und auch ist die amerikanische Musikerin Kim Gordon hier in einer Nebenrolle zu sehen.

„Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“ wurde erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2018 gezeigt. Am 13.07.18 soll der Film in den amerikanischen Kinos starten. Bisher ist noch kein Kinostart für Deutschland geplant. Update: Der Film startet am 23.08.18 unter dem Filmtitel: „Don´t Worry, weglaufen geht nicht“ in den deutschen Kinos. Ich habe den Film auf der Berlinale 2018 gesehen. Der Film wurde im Wettbewerb gezeigt.

Trailer zu sehen:

 

Berlin (ale) – Film: „Unsane“

Ich war am 22.02.18 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Unsane“ (dt. Filmtitel: „Unsane: Ausgeliefert“, dt. Kinostart: 29.03.18) 98 min drama, thriller
dir. Steven Soderbergh cast: Claire Foy, Joshua Leonard, Jay Pharoah, Juno Temple, Amy Irving

 

Sawyer Valentini (Claire Foy) hat ihre Heimatstadt Boston verlassen und in einer anderen Stadt ein neues Leben angefangen. Ein Grund für den Umzug war, dass sie über einen längeren Zeitraum von einem Stalker bedrängt wurde. Eines Tages hat sie das Gefühl, ihren Stalker erneut zu sehen. Hat sie sich das vielleicht nur eingebildet? Sawyer ist sich nicht sicher und sucht Hilfe bei einer Psychotherapeutin in einer Klinik. Ehe sie sich versieht, wird sie als selbstmordgefährdet eingestuft, unterzeichnet eine Selbsteinweisung und wird in der Klinik vorerst festgehalten. Aber auch in der geschlossenen Heilanstalt hat sie das Gefühl, ihrem Stalker zu begegnen…

 

A- (Wertung von A bis F) „Unsane“ ist der neue Film des amerikanischen Filmemachers, Drehbuchautors und Kameramanns Steven Soderbergh („Sex, Lies, and Videotape“, „Out of Sight“, „Traffic“, Contagion, Behind the Candelabra. Der komplette Film wurde mit iPhone 7-Kameras gedreht. Wie bei vielen seiner Filme, führt Steven Soderbergh hier nicht nur Regie, sondern steht auch (offiziell unter den Pseudonymen Peter Andrews und Mary Ann Bernard – den Namen seiner Eltern) hinter der Kamera und hat den Film selbst geschnitten.

Nachdem Steven Soderbergh nach Side Effects großmaulig verkündete, keine weiteren Spielfilme mehr für das Kino zu inszenieren, ist „Unsane“ nun nach „Logan Lucky“ bereits der zweite Film, den er seither ins Kino bringt. Ich kann das nur befürworten, nur hätte er sich das Dicke-Hose-Gelaber vorher auch sparen können.

Mit.„Unsane“ ist ihm wieder mal ein sehenswerten Kinofilm geglückt. Der Film erfindet das Thriller-Genre nicht neu, ich fand ihn aber bis zum Schluss nahezu unverschämt spannend. Der Film hat einen langsamen Spannungsaufbau. Zu Beginn mehr Drama, erzählt er die Geschichte einer Frau, die sich von einem Stalker verfolgt fühlt und in der Nervenheilanstalt landet. Man fragt sich, wie sie sich bloss in diese Situation gebracht hat und wie sie da wieder rauskommt. Vielleicht ist ihr die Stalker-Geschichte über den Kopf gewachsen? Claire Foy spielt diese Sawyer sehr aufrichtig, als Zuschauer beobachtet man sie, ist immer bei ihr, manchmal vielleicht selbst wie ein Stalker. Die iPhone-Kameras heben vielleicht noch zusätzlich diese teils kammerspielartige, immer beklemmende Atmosphäre hervor. Irgendwann gibt es einen Genre-Wechsel vom Drama zum Thriller mit einem schleichenden Übergang zum Horrorfilm. Bei einer Szene in meiner Vorstellung sind alle Zuschauer des Friedrichstadtpalastes zusammengezuckt.

„Unsane“ wurde jedoch unterschiedlich aufgenommen, eine Dame hat sich beim Verlassen des Theatersaals fürchterlich über den Film aufgeregt. „Der (sie meinte: Soderbergh) hat doch früher ganz andere (sie meinte; bessere) Sachen gemacht“. Wenn man sich Soderberghs Filmografie anschaut, finde ich gerade gut, dass er sich nie auf ein Genre festgelegt hat und immer etwas anderes ausprobiert.

Schauspielerisch hat mir Jay Pharoah (der Nate spielt) sehr gut gefallen. Ein Hollywoodstar, der bereits in vielen Soderbergh-Filmen mitgespielt hat, ist hier in einem Cameo zu sehen.

„Unsane“ wurde erstmalig auf der Berlinale 2018 gezeigt. Der Film lief auf den 68. Berlin International Film Festival im Wettbewerb (außer Konkurrenz). Der Film startet am 23.03.18 in den amerikanischen Kinos. Für Deutschland ist ein Kinostart am 29.03.18 vorgesehen.

Trailer zu sehen: