VOD – Film: „The Father“


Ich habe mir folgenden Film als Leihvideo über iTunes (U.S.) angeschaut:

„The Father“ (dt. Kinostart voraussichtlich am 22.04.21)  97 min  drama, adaptation

dir. Florian Zeller  cast: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Olivia Williams, Imogen Poots, Rufus Sewell, Mark Gatiss  

Die Welt von Anthony (Anthony Hopkins) ist in letzter Zeit ziemlich durcheinander geraten. Er nimmt immer mehr Merkwürdigkeiten zur Kenntnis. Außerdem ist seine Uhr verschwunden, wahrscheinlich wurde die ihm von seiner Pflegerin gestohlen. Jetzt teilt ihm seine Tochter Anne (Olivia Colman) auch noch mit, dass sie von London nach Paris ziehen will…

A- (Wertung von A bis F) „The Father“ basiert auf Florian Zellers eigenem Theaterstück „Le Père“. In der amerikanischen Broadway-Produktion („The Father“) hat Frank Langella die Titelrolle  übernommen und dafür den Tony Award gewonnen. Dieser Film ist das Spielfilmdebüt des französischen Dramatikers und Romanautors Florian Zeller. Für den Franzosen ist es eine persönliche Geschichte, als er 15 Jahre alt war,  musste er miterleben, wie seine Großmutter an Demenz erkrankte. Der Titelcharakter heißt im Film Anthony, da der Florian Zeller, als er (zusammen mit Christopher Hampton) das Drehbuch für den Film geschrieben hat, Anthony Hopkins als seine Traumbesetzung im Kopf hatte.

Es gibt einige Filme, die sich mit dem Thema Demenz beschäftigen, sogar ein paar herausragende („Iris“, Away From Her, Relic), aber keinen, der das Thema so angeht wie „The Father“. 

Dieser Film wird hauptsächlich aus der Perspektive des, an Demenz Erkrankten erzählt. Man erlebt also zu einem gewissen Teil mit, wie es sich anfühlen muss, wenn sich langsam das Chaos im Kopf verteilt. Auf der einen Seite sehen wir, wie Anthonys Gedanken kreisen, er versucht, in allem was ihn umgibt, verzweifelt einen Sinn zu erkennen. Das gelingt ihm immer weniger. Er hat aber durchaus auch helle Momente, dann wirkt Anthony stark, kann überaus charmant und im nächsten Augenblick aber auch verletzend sein, wahrscheinlich wie früher, als er noch gesund war. Überwiegend ist er aber verunsichert, verwirrt, hilflos, frustriert, erschöpft und manchmal sogar todtraurig.  Der Neu-Filmemacher Florian Zeller zeigt uns also auf der einen Seite diesen demenzkranken alten Mann und zusätzlich schafft er etwas Außergewöhnliches, er bezieht den Zuschauer in seine Erzählung mit ein. Durch die, sich ständig ändernde Innenausstattung, dauert es nicht lange bis man als Zuschauer selbst die Orientierung verloren hat. Sah die Küche oder das Wohnzimmer nicht eben noch ganz anders aus? Manchmal sind es Kleinigkeiten, die Verwirrung ist aber da.

Durch das wechselnde Szenenbild und auftauchende Personen, die irritieren, kann man sich zumindest etwas in Anthonys Denke reinversetzen. Bei ihm verschwimmen langsam Erinnerungen, Fiktion und die Realität, er bringt Gesichter und Personen durcheinander und schließlich weiß er gar nicht mehr, wo er ist. Das muss einen verrückt machen oder aggressiv, weil man denkt, andere spielen einem ständig Streiche. In jedem Fall – das habe ich diesem Film entnommen – macht dieser Kontrollverlust, diese Orientierungslosigkeit einsam. Der Zusammenbruch ist unausweichlich…irgendwann. Das ist dann der Moment, in dem man wahrscheinlich nur noch Schutz sucht, sich geborgen fühlen will und sich zwangsläufig an seine Kindheit erinnert. Daher ist es nicht abwegig, wenn man sich auch im hohen Alter in dieser Situation nach seinen Eltern sehnt. Die Mama war schließlich immer da, wenn man nicht weiter wusste. Während ich das hier schreibe, kommen mir natürlich gleich wieder die Tränen, in dem Film gab es natürlich auch diesen Moment, ab dem ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Am Ende des Films war ich völlig aufgelöst und außerstande unter Menschen zu gehen. 

Anthony Hopkins gibt hier eine meisterhafte Performance. Ich bin generell eher ein Fan des zurückgenommen, des nuancierten von Innen nach Außen kehrenden Schauspiels. Hier ist es das Grübeln, dem Ganzen einen Sinn abgewinnen wollen, dass ich in jeder Szene bei Anthony sehen konnte. Es gibt zwei Szenen bei denen er aus sich herausgeht, die eine, als sich seine neuen Pflegerin vorstellt, ist erstklassig, die andere als er zusammenbricht, die kann vielleicht erst mal befremdlich und zu „laut“ wirken, aber wenn man sich vorstellt, in welcher Situation sich Anthony gerade befindet, absolut realistisch. Sir Anthony Hopkins hat für diese Performance (und nach  „The Silence of the Lambs“, „The Remains of the Day“, „Nixon“, „Amistad“ und The Two Popes) seine 6. Oscar-Nominierung erhalten. Vor knapp 30 Jahren hat er den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen und das, obwohl er nicht länger als 16 Minuten auf der Leinwand zu sehen war. Legendär und unvergessen: Anthony Hopkins als Dr. Hannibal Lecter. Ich wünschte, er würde für diese fein nuancierte Performance in „The Father“ mit seinem zweiten Oscar ausgezeichnet werden, der Academy Award muss aber anscheinend dieses Jahr unbedingt posthum an Chadwick Boseman gehen. 

Olivia Colman:  „The Father“ hätte sicherlich nur halb so gut funktioniert, wenn Anthony Hopkins nicht eine Idealbesetzung an Tochter zur Seite gestellt worden wäre. Nicht nur Anthonys Gefühlswelt ist greifbar, auch Annes. Sie macht sich Sorgen um ihren Vater, versucht auf seinen  Krankheitsverlauf bestmöglich zu reagieren. Generell ist es sicher schwierig, sich zunächst damit abzufinden, dass Eltern „alt“ werden oder gar geistig abbauen und Hilfe brauchen. Dann aber damit umzugehen, dass das erkrankte Elternteil nicht „mitspielt“, einen in seinen Entscheidungen immer wieder Steine in den Weg legt, setzt dem Ganzen sicher die Krone auf. Die Zerrissenheit von Anne, aber auch die Trauer und der tiefe Schmerz, den sie empfindet (auch wenn ihr Vater sie mal wieder verletzt) habe ich zu jeder Zeit gespürt. DAS ist großes Schauspiel. 

„The Father“ ist  jetzt bereits schon festgesetzt als einer meiner Lieblingsfilme des Jahres 2021. 

In der Oscar-Saison 2020/2021 gibt es drei Bühnenadaptionen („One Night in Miami“, Ma Rainey´s Black Bottom und „The Father“), die in verschiedenen Kategorien für den Oscar nominiert wurden. Einzig „The Father“ wurde auch in der Kategorie „Bester Film“ nominiert und das kommt nicht von ungefähr. Während man den anderen beiden Projekten noch anmerkt, seine Wurzeln im Theater zu haben, ist „The Father“ eindeutig ein Film, bei dem ich mich nicht nur ein Mal gefragt habe, wie man das wohl auf der Theaterbühne umgesetzt hat. Die Oscar-Nominierung für das beste Szenenbild ist absolut gerechtfertigt. 

Am 15.03.21 wurde „The Father“ für 6 Oscars (Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Anthony Hopkins), Beste Nebendarstellerin (Olivia Colman), Bestes adaptiertes Drehbuch, Bester Schnitt und Bestes Szenenbild) nominiert. Update: „The Father“ hat zwei Oscars (Bester Hauptdarsteller, Anthony Hopkins, und Bestes adaptiertes Drehbuch) gewonnen.

„The Father“ wurde erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2020 gezeigt. Der Film ist am 26.02.21 in einigen ausgewählten amerikanischen Kinos gestartet. Seit dem 26.03.21 ist der Film auch über amerikanische Streamingplattformen als Premium Video on Demand (PVOD) zu sehen. Ich habe mir den Film, wie zuvor bereits Promising Young Woman und Minari, als PVOD (Leihvideo) für 19,99 USD über iTunes (U.S.) angeschaut. Der deutsche Kinostart von „The Father“ ist für den 22.04.21 geplant. 

Trailer zu sehen: 

8 Gedanken zu “VOD – Film: „The Father“

      • Die Verleihe haben inzwischen einige Filme angesammelt, aber so wie ich die Stimmung im Land wahrnehme, würde eine Öffnung in den nächsten Wochen ein Minusgeschäft werden

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      • Was meinst Du mit „wie ich die Stimmung im Land wahrnehme“? Wenn ich die Stimmung bei mir und meinen Bekannten und Freunden nehme, dann würden alle wahnsinnig gerne mal wieder ins Kino oder Theater gehen. Würde mich dafür auch testen lassen, wenn es die Voraussetzung ist.

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      • All das, was ich aus meinem persönlichen Umfeld (was natürlich ein eingeschränkter Blick ist), Social Media und der Demoskopie raussuchen und filtern kann spricht eher die Sprache: Wir müssen den Lockdown verschärfen und nicht Gastronomie, Kultur und Co öffnen. Ich würde sofort ins Kino gehen und davor nen Coronatest zu machen, halte ich auch für sinnvoll, ich nutze sowieso die Testmöglichkeit. Aber ich bin da kein Maßstab.

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      • Da habe ich tatsächlich ein ganz anderes Bild. Ich kann mich aber auch nicht erinnern, dass ich hier in Deutschland seit November ernsthaft aus dem Lockdown rausgekommen bin. 😳Das Infektionsgeschehen kommt ja auch scheinbar nicht durch die Gastronomie und Kultur (weil seit Monaten zu) und mit ner guten Öffnungsstrategie und Regeln (FFP2, Maske, Abstand, meinetwegen auch Tests) sollte man schon öffnen. Im besten Fall wissenschaftlich begleitet und mit der Luca-App. Die Leute frustrieren immer mehr und werden depressiv (auch durch die Wischiwaschi-Entscheidungen und das Hin und Her der Regierung und seit Monaten ohne eine Perspektive)

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      • Ich sehe das ja sehr ähnlich und bin auch der Meinung, dass sich die Lockdownstrategie festgefahren hat. Ich hab vor dem Wintereinbruch an Ostern vermehrt Fahrradtouren gemacht, um aktiv zu bleiben, aber in Deutschland scheint die Angst vorzuherrschen (apokalyptische Modelle machen wieder vermehrt die Runde)

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      • Aktiv bleiben ist wichtig, ich bin in meinem Leben wahrscheinlich noch nie so viel (und quer durch Berlin) spazieren gegangen, wie im letzten Jahr, aber ich würde auch gerne mal wieder mit Freunden Essen gehen (gerne auch draußen mit Deckchen) oder halt kulturelle Geschichten machen.

        Sind es nicht die Medien (nicht nur die traditionellen, auch die „Sozialen“), die Angst schüren? Das ist mehr meine Meinung und die meines Bekannten/Freundes und Kollegenkreises. Ich kenne auch keinen, der nicht angemessene Corona-Regeln unterstützen würde, viele Regeln sind mittlerweile aber einfach unverhältnismäßig. Und ich rege mich fürchterlich über jeden auf, der – nach über einem Jahr – immer noch nicht gelernt hat, seine Maske richtig zu tragen. 🙄

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