Hamburg – Film: „Nomadland“


Ich war am 03.10.20 in Hamburg und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

„Nomadland“  (dt. Kinostart: 8.4.21) 108 min  drama, adaptation

dir. Chloé Zhao  cast: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie, Bob Wells

Als der Hauptarbeitgeber der Stadt Empire seinen Betrieb geschlossen hat, dauerte es nicht lange, bis alle Einwohner aus der Kleinstadt weggezogen sind. Im Jahr 2011 wurde dann sogar die Postleitzahl von Empire, Nevada gelöscht. Zeit, auch für die 61-jährige Fern (Frances McDormand) weiterzuziehen. Einen festen Wohnsitz möchte sie fortan nicht mehr haben, sie hat sich entschieden, in ihrem Van zu leben und als Arbeitsnomadin durch die Vereinigte Staaten zu ziehen. Sie schließt sich einer Gemeinschaft von, im Wohnwagen reisenden Aussteigern und Arbeitsnomaden an. Für ein paar Wochen leben sie an einem Ort und dann ziehen sie weiter zu dem nächsten Gelegenheitsjob… 

A (Wertung von A bis F) „Nomadland“ basiert auf Jessica Bruders Sachbuch „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century“. Die Journalistin und Autorin hat drei Jahre selbst in einem Van gelebt und sich einigen Nomaden, die man hier auch in dem Film sieht, angeschlossen und ist durchs Land gereist. In dieser Zeit hat sie auch für einige der Unternehmen (z.B. Amazon) gearbeitet. Nach „Songs My Brothers Taught Me“ und „The Rider“ ist dies erst der dritte Film, bei dem die chinesische Filmemacherin Chloé Zhao Regie führt. Ihr nächstes Projekt ist der Marvel-Film „Eternals“. Ich hoffe, dass sie dieses, sicherlich lukrative Angebot nur angenommen hat, um anschließend wieder mit wunderbaren Indie-Filmen zu beeindrucken.

Das Reisen und die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen prägen zweifelsfrei am meisten die Persönlichkeit eines jeden. Beides wurde uns jetzt, in der Corona-Zeit, zum großen Teil genommen. Um so wichtiger sind es jetzt Filme, die uns mit auf die Reise nehmen und uns fremde Kulturen zeigen. Nicht nur deshalb, ist „Nomadland“ der perfekte Film für das Jahr 2020. 

„Nomadland“ ist ein Roadmovie, der einen in den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten führt. Es ist ein Film über amerikanische Arbeitsnomaden, einer Gruppe an Gelegenheitsarbeiter und Geringverdienern, die ihr Leben lang gearbeitet haben, aber aufgrund einer nicht vorhandenen Altersvorsorge, bzw. einer viel zu kleinen Rente, sich im Alter nicht einfach zu Ruhe setzen können. Diese Amerikaner haben kein Sicherheitsnetz, keine Krankenversicherung wie wir es in Deutschland gewohnt sind. Am Ende ist „Nomadland“ aber auch ein Porträt einer 61-jährigen Frau, die sich bewusst für ein alternatives Lebensmodell entschieden hat.

Die chinesische Filmemacherin erzählt dabei keine allumfassende Geschichte, sie wertet auch nicht oder verurteilt gar das System, das erst diese, natürlich nicht immer freiwillige Entscheidung zu diesem Nomaden-Leben hervorgebracht hat. Sie gibt uns Raum, diese, den meisten sicher unbekannte amerikanische Parallelwelt auf uns einwirken zu lassen und unsere eigene Meinung zu bilden. Chloe Zhao hat hier viel mit natürlichem Licht gearbeitet und an Originalschauplätzen (sogar in einer Amazon Fabrik) gedreht, dadurch bekommt der Spielfilm mitunter den Charakter einer Reportage. Der Authentizität hat es auch nicht geschadet, dass die Filmemacherin dabei – mit Ausnahme von Frances McDormand und David Strathairn – bewusst auf professionelle Schauspieler verzichtet hat.

Die Nomaden die man hier kennenlernt, sind die Persönlichkeiten, die Jessica Bruder bei der Recherche zu ihrem Buch über drei Jahre hinweg immer wieder begleitet hat. Diese Nomaden „spielen“ sich hier selbst. Der von Frances McDormand verkörperte Charakter „Fern“ ist ein fiktiver, der für die Erzählung des Films hinzugefügt wurde. Die Schauspielerin und die Filmemacherin kreierten „Fern“, die uns in dem Film einen Zugang zu der bereits existierenden Welt der Nomaden des amerikanischen Westens ermöglicht. Als Ferns Reise beginnt, ist sie bereits eine gestandene Frau, vor einigen Jahren ist ihr Ehemann gestorben, dann hat die Fabrik, in der sie arbeitete, geschlossen und nachdem alle Einwohner der Stadt Empire weggezogen sind, hat sie auch noch ihre Heimat verloren. Sie packt alles, was ihr wichtig ist, in ihren Van und beginnt ihr neues Leben, bewusst ohne festen Wohnsitz. Die 61-jährige Fern nimmt uns als Zuschauer nicht an die Hand und erklärt. Sie ist introvertiert und eigenbrötlerisch, was in ihr vorgeht, kann man nur erahnen. Wir nehmen einfach teil an ihrem Alltag. Klar, das Geld ist knapp und das Leben nicht immer einfach. Auf der anderen Seite bietet dieses naturverbundene Leben aber auch viele Freiheiten. Insgesamt ist „Nomadland“ ein toller Film und ich bin froh, dass mich Chloé Zhao mit auf die Reise genommen hat.  

Frances McDormand hatte vor rund 20 Jahren ihrem Ehemann (und Regiegröße Joel Coen) gesagt, dass sie mit Mitte 60 Jahren ihren Namen in „Fern“ ändern und in einem Wohnwagen quer durch Land fahren möchte. Sie hatte also bereits vor vielen Jahren eine Verbindung zu diesem Charakter, den sie hier so überzeugend porträtiert. Wenn Frances McDormand nicht im Jahr 2018 ihren zweiten Oscar für Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gewonnen hätte, sie würde ihn sicherlich im nächsten Jahr für diese Performance gewinnen.  

Es ist davon auszugehen, dass „Nomadland“ in meiner Top Ten-Liste für Filme aus dem Jahr 2020 landet. Update: „Nomadland“ ist einer meiner Top Ten-Filme aus dem (Corona-) Jahr 2020.

„Nomadland“ ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Frances McDormand), Bester Nebendarsteller (David Strathairn), Beste Nebendarstellerin (Swankie, Linda May) Bestes adaptiertes Drehbuch und einige technische Kategorien 

„Nomadland“ wurde erstmalig auf dem Venice Film Festival 2020 gezeigt. Dort hat der Film den Hauptpreis, den Goldenen Löwen, gewonnen. „Nomadland“ war der einzige Film, der auf allen wichtigen Herbstfilmfestivals des Jahres 2020 gezeigt wurde. Auf dem Toronto International Film Festival hat er den Publikumspreis gewonnen und damit ist es der erste Film, der sowohl in Venedig als auch in Toronto den wichtigsten Preis absahnen konnte. Der Searchlight Pictures-Film soll voraussichtlich am 4.12.20 in den amerikanischen Kinos starten. Für Deutschland ist ein Kinostart für den 4.2.21 (Update: 8.4.21) geplant. Ich habe den Film auf dem Filmfest Hamburg gesehen. Es war der Abschlussfilm des Filmfestivals, gezeigt wurde die Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Zum Schluß des Films gab es großen Applaus. 

Seit dem 14.12.20 gibt es nun endlich diesen schönen Trailer:

Film "Nomadland" auf dem Filmfest Hamburg 2020
Film „Nomadland“ auf dem Filmfest Hamburg 2020

5 Gedanken zu “Hamburg – Film: „Nomadland“

  1. Danke für die sehr informative Rezension. Francis McDormand mag ich sehr und glaube, dass mir der Film gefallen würde. Seit der Berlinale habe ich mich nicht mehr ins Kino getraut und nun werden die Kinos schon wieder geschlossen! Bin gespannt, wie es zum deutschen Kinostart im Februar 2021 steht.
    Momentan schaue ich gerade die Onlineversion der Hofer Filmtage 😊. Ist natürlich nur ein Ersatz für die Projektion auf der Leinwand und die Festivalatmosphäre, aber auch weniger stressig, weil die meisten Filme
    bis zum 1.11. und damit länger als das Filmfestival laufen😀.

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    • Danke. 🙂
      Dir Reisemaus wird der Film ganz sicher gefallen. Bei dem Film war es auch wichtig, ihn im Kino zu sehen, hatte man so irgendwie das Gefühl dabei zu sein.
      Bei meinen bisherigen Kinobesuchen seit Corona und erst recht beim Filmfestival in Hamburg hatte ich, aufgrund des durchdachten Hygiene-Konzeptes und der wenigen Besucher, ein gutes, sicheres Gefühl. Aber gut, mittlerweile können sie ja scheinbar gar nicht mehr nachvollziehen, wo die Leute sich angesteckt haben.
      Ja, das ist scheinbar auch das neue Normal, Festivalfilme online zu schauen. Hoffe, dass es eine – wenn auch natürlich abgespeckte – Live-Version der Berlinale im nächsten Jahr gibt. Dann wünsche ich Dir ein paar gute Filme auf den (online) Hofer Filmtagen. 👍

      Gefällt 1 Person

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