Hamburg – Film: „Sound of Metal“


Ich war am 29.09.20 in Hamburg und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

„Sound of Metal“  (ab dem 4.12.20 auf Amazon Prime Video)  131 min   drama 

dir. Darius Marder  cast: Riz Ahmed, Olivia Cooke, Paul Raci, Mathieu Amalric 

Ruben (Riz Ahmed) ist Schlagzeuger eines Metal Band-Duos. Mit seiner Freundin, der Sängerin  Lou (Olivia Cooke), reist er in einem Wohnmobil, von Auftritt zu Auftritt. Eines Tages hört er plötzlich ein Fiepen und kurz darauf nur noch dumpfe Laute und Rauschen. Ein Arzt diagnostiziert, dass er nur noch wenig Hörvermögen hat und vermutlich sogar schon bald völlig taub sein wird….

B+ (Wertung von A bis F) „Sound of Metal“ ist das Spielfilmdebüt des amerikanischen Dokumentarfilmers Darius Marder („Loot“). Er hatte zuvor auch an Drehbüchern (u.a. für Derek Cianfrances The Place Beyond the Pines) mitgeschrieben. Die Story zu diesem Film stammt von Derek Cianfrance, sein semi-dokumentarischer Film „Metalhead“ wurde aber nie fertiggestellt. Darius Marder hat das Drehbuch zu diesem Spielfilm zusammen mit seinem Bruder Abraham geschrieben. Der Film ist Dorothy Marder, der Großmutter des Filmemachers, gewidmet. Darius Marder beschreibt sie als große Cineastin, die plötzlich gehörlos wurde. 

Dieser faszinierender Film ist neben einem Charakterdrama auch eine Art Außenseiter-Drama. Hier haben wir es aber nicht mit einer gewöhnlichen Außenseiter-Geschichte zutun, sondern mit einem Mann, Ruben, der von Jetzt auf Gleich aus seiner bislang so vertrauten Welt ausgeschlossen wird. Er kann einfach von einem Moment auf den anderen nicht mehr verstehen, was seine Mitmenschen sagen. Wie  schrecklich der plötzliche Verlust des Gehörs sein muss und wie es sich anfühlen muss, in seiner eben noch vertrauten Welt plötzlich zum Außenseiter zu werden, das zeigt dieser Film ganz eindrucksvoll und herzergreifend. Ruben will irgendwann zur Ruhe kommen, sucht nach einer Lösung und schließt sich vorübergehend einer Gemeinschaft von Gehörlosen an. Aber auch dort ist er ein Außenseiter. Da er die Gebärdensprache nicht gelernt hat, versteht er auch die Gehörlosen nicht. Ruben befindet sich zwischen zwei Kulturen, zu keiner fühlt er sich zugehörig. Um wieder einigermassen an seinem ehemaligen Leben teilhaben zu können, müsste er sich ein Implantat einsetzen lassen, viel zu teuer, das Geld hat er nicht. Aber er ist auch noch nicht bereit, sein Schicksal zu akzeptieren. Das bedeutet es doch, wenn er beginnt, die Gebärdensprache zu lernen? Der Film zeichnet ganz wunderbar diese Zerrissenheit dieses jungen Mannes.

Ruben habe ich von Minute Eins an ins Herz geschlossen, was für eine cooler Type. Es ist einer Mischung aus Performance und Sounddesign zu verdanken, dass man Rubens Leid miterlebt. Teilweise nimmt man als Zuschauer Rubens Umfeld durch eben dieses exzellente klangliche Inszenierung so wahr, wie Ruben. Als er zu Anfang nur Rauschen und dumpfe Töne wahrnimmt, hören wir als Zuschauer für einen Moment auch nichts anderes. Wenn er beispielsweise später in der Gemeinschaft der Gehörlosen mit am Tisch sitzt und die sich angeregt in der Gebärdensprache miteinander unterhalten, bekommen wir als Zuschauer ein Gefühl dafür, wie es ist, ausgeschlossen zu sein. In dieser Situation bekommen auch wir keine Untertitel und verstehen kein Wort. Da ist einem zwangsläufig zum Heulen zumute. Ursprünglich war der Film als Semi-Dokumentation geplant, einen Reportagen-Charakter hat dieser Film auch in seiner realisierten Spielfilmform. 

Neben dem Film als Charakter- und Außenseiterdrama fand ich es auch spannend, einen kleinen Einblick in die Welt der Gehörlosen zu bekommen. So wie ich es verstanden habe, ist die Welt der Gehörlosen eine sehr aufmerksame. Man schaut sich direkt an, liest in den Gesichtern, der Mimik und Gestik seines Gegenübers. Da ist kein Platz für Oberflächlichkeit oder, während des Gesprächs, mal eben kurz aufs Handy schauen. Dieser wunderbare Film stimmt mich aber auch gerade jetzt in dieser (Corona-) Zeit nachdenklich. Die Maskenpflicht muss Hörgeschädigte und Hörlose vor immensen Schwierigkeiten stellen.  

Gegen Ende war mir der Film einen Tick zu erwartbar, nicht schlecht, nicht unrealistisch, aber daher gibt es für mich nicht die komplette Punktzahl. Dennoch könnte der Film am Ende des Jahres in meiner Top Ten für Filme aus dem Jahr 2020 landen.

Riz Ahmed, der mir das erste Mal in The Reluctant Fundamentalist aufgefallen ist und von dem ich seit dem tollen Mehrteiler The Night Of Fan bin, verschwindet förmlich hinter der Figur des Ruben. Für diese Rolle hat er die amerikanische Gebärdensprache und auch das Schlagzeug spielen gelernt. Für mich gibt er hier eine ganz klare Oscar-Performance.

„Sound of Metal“ ist einer meiner Top Ten-Filme aus dem (Corona-) Jahr 2020.

„Sound of Metal“ ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Bester Film, Bester Schauspieler (Riz Ahmed), Bester Nebendarsteller (Paul Raci), Bestes Originaldrehbuch/bzw. Bestes adaptiertes Drehbuch und einige technische Kategorien

„Sound of Metal wurde erstmalig auf dem Toronto International Film Festival 2019 gezeigt. Der Film soll am 20.11.20 in einigen amerikanischen Kinos starten und ab dem 4.12.20 bei Amazon Prime Video zu streamen sein. Für Deutschland ist bislang kein Kinostart bekannt. Ich habe den Film auf dem Filmfest Hamburg 2020 gesehen. Es war die Deutschland-Premiere des Films (auch wenn leider nur rund 20 Zuschauer im Saal waren). Gezeigt wurde die Originalfassung mit der deutschen Hörfassung als Untertitel. 

Trailer zu sehen:

Film "Sound of Metal" auf dem Filmfest Hamburg 2020
Film „Sound of Metal“ auf dem Filmfest Hamburg 2020

2 Gedanken zu “Hamburg – Film: „Sound of Metal“

  1. Hört sich gut an, wobei nicht wenige Metaller wirklich mit dem Gehör haben oder fast taub sind. Aber ja, was für eine furchtbare Vorstellung das Gehör zu verlieren. Mit Riz Ahmed kann ich nicht viel anfangen, obwohl, in Four Lions hat er mir gefallen :))
    Bei „Metalhead“ war ich kurz irritiert, denn da gab es ja dieses isländische Metallerdrama von 2013.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.