Netflix – Film: „I´m Thinking of Ending Things“


Folgenden Film habe ich mir auf Netflix angeschaut:

„I´m Thinking of Ending Things“ (in D. seit dem 4.9.20 auf Netflix zu sehen)   134 min  drama, adaptation  

dir. Charlie Kaufman  cast: Jesse Plemons, Jessie Buckley, Toni Collette, David Thewlis, Guy Boyd

Eine junge Frau (Jessie Buckley) ist noch nicht lange mit ihrem Freund, Jake (Jesse Plemons), zusammen. Nun wird sie von ihm mit dem Auto abgeholt, das erste Kennenlernen mit seinen Eltern (Toni Collette und David Thewlis) steht an. Es ist kalt, schneit sogar, keine Menschenseele auf den Landstraßen, die zu der abgeschiedenen Farm seiner Eltern führen…

A (Wertung von A bis F) „I´m Thinking of Ending Things“ basiert auf Iain Reids gleichnamigen Roman. Es ist nach Synecdoche, New York und Anomalisa der dritte Film, bei dem das  amerikanische Drehbuchgenie („Being John Malkovich“, „Adaptation“, „Confession of a Dangerous Mind“, „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“), der Filmemacher, Produzent und seit Kurzem auch Romanautor Charlie Kaufman Regie führt. 

Kann man sich eigentlich in einen Trailer verlieben? Als ich diesen das erste Mal sah, hatte ich ein wohliges Gefühl, ein Gefühl von Verliebtheit verbunden mit der Hoffnung, vielleicht in diesem Film eine große Liebe zu finden. Eigentlich war ich von allen Filmen, bei denen Charlie Kaufman seine Finger im Spiel hatte, irgendwo begeistert. Auch dieser Film ist ein Geschenk. 

Auf den allerersten Blick geht es um eine junge Frau, die seit ein paar Wochen mit Jake zusammen ist. Der holt sie eines Tages ab, die beiden fahren zu seinen Eltern, das erste Kennenlernen steht an. Während der Autofahrt lauschen wir als Zuschauer ihren Gedanken. „I´m Thinking of Ending Things“ ist etwas, was ihr immer wieder durch den Kopf geht. Will sie ihre Beziehung mit Jake beenden? Jake scheint irgendwie manchmal sogar ihre Gedanken lesen zu können…und dann ist da noch der Hausmeister einer Schule… Das ist der Beginn dieses Film, viel mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Jedenfalls ist es ein typischer Charlie Kaufman-Film, ein Film mit Tiefgang, dessen Handlung und Sinn man auch nur langsam entschlüsseln kann. Ein Thriller oder gar Horrorfilm, wie der Trailer und einige Szenen vielleicht vermuten lassen, ist es nicht…jedenfalls nicht, wenn man das Rätsel für sich gelöst hat. Dann ist es ein Drama und zwar eines, das mir sehr nahe gegangen ist. 

Jesse Plemons, der mich optisch immer mehr an den von mir so verehrten und viel zu früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman erinnert, spielt hier die Hauptrolle. „Jake“ wäre eine dieser Rollen, die zuerst Schauspielgenie PSH angeboten worden wäre. Jesse Plemons ist aber ein guter Ersatz, ich mag ihn mittlerweile richtig gerne. Die beiden hatten für Paul Thomas Andersons The Master seinerzeit sogar, als Vater und Sohn besetzt, gemeinsam vor der Kamera gestanden.

SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER SPOILER 

„I´m Thinking of Ending Things“ ist ein Film mit einem unzuverlässigen Erzähler. Auf den ersten Blick ist es die junge Frau, die einen an ihren Gedanken teilhaben lässt. Sie redet immer davon, etwas beenden zu wollen. Will sie ihre Beziehung mit Jake beenden? Nicht nur ein Mal errät Jake scheinbar die Gedanken seiner Freundin. In Wahrheit ist die junge Frau und Jake ein und dieselbe Person. Die Story (Erinnerungsfetzen durchsetzt mit Fantasie) spielt sich in Jakes Kopf ab. Der junge Jake ist im Jetzt der ältere (ehemalige) Hausmeister (der im Film auch immer wieder auftaucht). Er beschäftigt sich schon länger mit dem Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die junge Frau entspricht entweder gänzlich Jakes Fantasie, ist also so etwas wie die Idealvorstellung einer Freundin, die er gerne gehabt hätte oder eine bunte Mischung aus allen Freundinnen, mit denen er mal zusammen war.

Scheinbar hat es Jake nie aus dem Kaff, in dem er geboren und aufgewachsen ist, rausgeschafft. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er einen anderen Weg eingeschlagen hätte, vielleicht in eine größere Stadt gezogen wäre? Er hat als Hausmeister an einer Schule gearbeitet, ein gutmütiger Mann, dennoch haben sich einige Schüler(innen) über ihn lustig gemacht, ihm vielleicht sogar Streiche gespielt. Das hat ihn damals verletzt und das tut ihm heute noch weh. Niemand hat sich mal die Mühe gemacht, hinter seine Fassade zu blicken, Interesse an ihm bekundet. In Jake steckt weit mehr als nur „Hausmeister“. Er malt beispielsweise, ist sehr belesen, liebt Filme, aber seine große Leidenschaft sind Musicals. „Oklahoma!“ ist sein Lieblingsmusical. Ein Musical dessen Handlung auf dem Land spielt und von einer unglücklichen Liebe handelt. Auch in Jakes Leben ist die Liebe ein schwieriges Thema. Es gab Frauen in seinem Leben, immer mal wieder. Waren es nur Schwärmereien, kurze Begegnungen oder hatte er auch Beziehungen mit diesen Frauen namens Lucy, Louisa, Yvonne, Lucia, Ames? Die richtige große und langanhaltende Liebe gab es offensichtlich nicht in seinem Leben. Jetzt im Alter ist er einsam, krank, vielleicht leidet er sogar an beginnender Demenz. Wenn er sein Leben Revue jetzt passieren lässt, vermischen sich seine Erinnerungen. Die Beziehung zu seinen, längst verstorbenen Eltern war auch keine einfache. Irgendwann, als sie älter wurden, waren sie pflegebedürftig, es deutet vieles daraufhin, dass sie dement waren. Jake hatte sich um sie gekümmert, seine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt – vielleicht auch etwas, was er bis heute nicht richtig verarbeitet hat. In der oberflächlich erzählten Geschichte besucht der junge Jake mit seiner neuen Freundin seine Eltern, diese sind in jeder Szene in einem anderen Alters- bzw. Pflegestadium. Jetzt hat Jake genug vom Leben und von all den schmerzhaften Erinnerungen. Seine Hoffnung auf ein besseres oder anderes Leben, auf eine Liebe im selbigen hatte er schon lange begraben. Der Film (und Buch-)Titel bezieht sich darauf, dass er darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen. Am Ende stirbt er, scheinbar noch bevor er Selbstmord begehen kann. Er erleidet einen (Herz-) Infarkt im Auto, vielleicht erfriert er aber auch…

SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE 

Zugegebenermassen verlangt dieser surreale Film dem Zuschauer viel ab. Um die Handlung richtig zu enträtseln, bleibt einem nichts anderes übrig, als mindestens eine weitere Sichtung des Films. Vielleicht ist es aber auch dann nur etwas für eingefleischte Charlie Kaufman-Fans. “I´m Thinking of Ending Things“  ist sehr philosophisch und voller Literatur-, Film- und Musical-Referenzen. Des Rätsels Lösung oder wenigstens einige Szenen lassen unterschiedliche Interpretationen zu. 

Fast zeitgleich ist dieser Film mit Christopher Nolans Tenet veröffentlicht worden. Beide Regisseure spielen in ihren Filmen mit der Zeit. Während „Tenet“ keine Emotionen bei mir hervorrufen konnte, ich ihn nach nur wenigen Tagen bereits vergessen hatte, beschäftigt mich Kaufmans Werk jetzt seit ein paar Tagen. Zwei Mal habe ich mir den Film bereits angeschaut. Gerne hätte ich ihn in einem dunklen, kühlen Kinosaal genossen. Leider blieb mir nichts anderes übrig, als ihn auf meinem Laptop – zwar an einem leicht schattigen Plätzchen, aber – unter der griechischen Sonne zu schauen. 

„I´m Thinking of Ending Things“ ist jetzt bereits festgesetzt als einer meiner Top Ten-Filme aus dem (Corona-) Jahr 2020. 

Dieser Netflix-Film ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Beste Hauptdarstellerin (Jessie Buckley), Bester Hauptdarsteller (Jesse Plemons), Bestes adaptiertes Drehbuch

„I´m Thinking of Ending Things“ ist am 28.08.20 in einigen ausgewählten US-amerikanischen Kinos gestartet. Aufgrund der Corona-Situation in den Vereinigten Staaten wurde der Film aber bereits eine Woche später auf Netflix zur Verfügung gestellt. Auch in Deutschland ist er seit dem 4.9.20 exklusiv auf Netflix zu sehen.

Trailer zu sehen:

ungünstige Bedingungen für die Sichtung eines meiner neuen Lieblingsfilme "I´m Thinking of Ending Things"
ungünstige Bedingungen für die Sichtung eines meiner neuen Lieblingsfilme „I´m Thinking of Ending Things“

15 Gedanken zu “Netflix – Film: „I´m Thinking of Ending Things“

  1. Puh jetzt habe ich genau eine gute und eine schlechte Kritik gelesen. Offenbar muss ich ihn mir doch selbst anschauen! 🙂

    Und das Aussehen von Jesse Plemons finde ich faszinierend. Am Anfang seiner Karriere musste ich bei ihm immer an einen etwas propperen Matt Damon denken 😀

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      • Ich habe mich durchaus drauf eingelassen und hatte sogar echt Lust drauf, aber er hat mich sehr schnell mit diesen pseudo-poetischen Dialogen verloren die jedes Mal eine halbe Stunde gingen und leider voll nicht meine Welt sind 😀 Vl bin ich dann nicht kultiviert genug oder so, aber das hat das dranbleiben für eine Qual gemacht
        Durch dich konnt ich jetzt aber zumindest verstehen, was den Film so anziehend macht und was überhaupt so sein Ziel war 🙂

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  2. Habe Deinen Beitrag bewusst erst jetzt gelesen,da ich neugierig war, wie Du den Film erlebt hast. Natürlich wieder einmal sehr professionell aufgezogen, lässt meine Interpretation nichtig erscheinen.

    Sind aber beide Protagonisten wirklich ein und dieselbe Person? Woran hast Du das fest gemacht? Ja, die junge Dame mit dem Ausschlag habe ich vergessen zu erwähnen, welche Bedeutung sie wohl hat, genauso wie die Maden an den Schweinen?

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    • Das merkt man verschiedenen Szenen, zum einen natürlich an dem immer wiederkehrende Gedanken „I´m Thinking of Ending Things“, den er ja auch öfter zu hören scheint und deren genaue Bedeutung zunächst vage gehalten wird, aber irgendwann klar ist. Spätestens aber als sie beide ein Foto im Haus der Eltern betrachten. Sie fragt, wer das Kind auf dem Foto ist, er daraufhin antwortet, dass er es ist und sie „aber das bin ich doch“. Letztlich gibt es zig Hinweise auch zu dem Hausmeister.

      Die Maden repräsentieren – meines Erachtens – den Tod, da letztlich nicht nur die Schweine, sondern auch die Menschen von Maden gefressen werden. Die junge Dame mit dem Ausschlag könnte auch er sein oder ein nerdiges Mädchen an der Schule über die sich viele (u.a. die kichernden Mädchen) lustig gemacht haben. Da bin ich mir überhaupt nicht sicher.

      Auch wenn ich zugeben muss, dass es ein deprimierender Film ist, eine zweite Sichtung ist definitiv lohnenswert. Mir wird bei der dritten sicherlich etwas auffallen, was ich zuvor noch gar nicht bemerkt habe.

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