San Francisco – Film: „Green Book“


Ich war am 22.11.18 in San Francisco und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Green Book“ (dt. Filmtitel: „Green Book – Eine besondere Freundschaft“, dt. Kinostart: 31.01.19)  130 min  comedy, drama, biopic 

dir. Peter Farrelly  cast: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini 

 

Im Jahr 1962. Der Italo-Amerikaner  Frank „Tony Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen) arbeitet als Türsteher in einem New Yorker Nachtclub. Da dieser aufgrund von Renovierungsarbeiten für zwei Monate zugemacht wird, braucht er für diese Zeit dringend einen neuen Job. Schließlich heuert er als Chauffeur an und fährt den afroamerikanischen Jazz-Pianisten Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) für eine Konzertreihe von New York bis in die Südstaaten…

 

B- (Wertung von A bis F) „Green Book“ wurde von einer wahren Geschichte inspiriert. Der Filmtitel wurde von THE NEGRO MOTORIST GREEN BOOK abgeleitet. Dies war ein Reiseführer, der erstmalig im Jahr 1936 (und jährlich in einer Neuauflage bis zum Jahr 1966) veröffentlicht wurde. Es sollte Afroamerikaner darüber informieren, in welchen Hotels sie nächtigen können und in welchen Restaurants sie als Schwarze bedient werden. Nach „Movie 43“ ist dies der zweite Kinofilm, bei dem der amerikanische Filmemacher Peter Farrelly allein Regie führte. Mit seinem Bruder Bobby zusammen – bekannt als die Farrelly Brothers – hat er einige Filme gedreht („Dumb and Dumber“, „There´s Something About Mary“). Das Drehbuch zu „Green Book“ hat Peter Farrelly zusammen mit Brian Hayes Currie und Nick Vallelonga, dem Sohn des von Viggo Mortensens Charakter Frank „Tony Lip“ Vallelongas, geschrieben. 

Generell habe ich offensichtlich ein Problem mit massentauglichen Feel-Good-Movies, die Rassismus thematisieren. The Blind Side, The Help und Hidden Figures und „Green Book“ weisen einige Gemeinsamkeiten auf. Alle vier Filme sind von weißen Filmemachern, erzählen eine vorhersehbare Geschichte mit „guten“ dunkelhäutigen Amerikanern, aber mindestens einer weißen Identifikationsfigur für die weißen Zuschauer. In den drei Filmen, die in den 1960er Jahren spielen, war der Weiße entweder noch nie ein Rassist oder er war es, hat aber eigentlich das Herz am rechten Fleck, lernt über den Verlauf der Geschichte dann keiner mehr zu sein. Immer gibt es mindestens eine Szene, in der sich der Weiße/die Weiße für den Schwarzen/die Schwarze einsetzt, er/sie rettet, o.ä. und am Ende sind alle happy, weil der Rassismus ja so einfach bekämpft werden kann. Das sind Filme die Rassismus „vereinfachen“, damit es sogar von Grundschülern verstanden wird. Filme für einfache Gemüter oder wenn man mal für zwei Stunden sein Hirn ausschalten will. Angesichts des Themas ist mir das zu platt und diese Filme sind mir zu manipulativ. 

„Green Book“ wirkt antiquiert, dieser Film könnte aus den 1980er oder 1990er Jahren stammen. Varianten dieser Geschichte gab es schon zig Mal und auch dieser Film hat nichts Neues hinzuzufügen und hat keinerlei Bezug zur Gegenwart. Der Film ist nett, tut nicht weh, es gibt einige witzige Szenen, Mainstream-Unterhaltung halt. 

Meiner Bewertung für „Green Book“ kann man entnehmen, dass ich diesen Film zumindest etwas besser finde als die anderen drei. Müsste ich eine Liste mit den schlimmsten Filmen aller Zeiten erstellen, wäre garantiert „The Blind Side“ drauf, weil der einfach beleidigend schlecht ist und mich bis heute verärgert. Bei „Green Book“ hat mich erstaunt, dass das Publikum – aus nicht nachvollziehbaren Gründen – vor Freude ausflippt. In meiner ausverkauften Vorstellung gab es zum Schluss des Films Applaus. Später im Fahrstuhl wurde ich auch noch von einer, bis über beide Ohren strahlenden, Afroamerikanerin angesprochen, ob ich denn auch so einen tollen Film wie sie gesehen habe. Sie war hin und weg von „Green Book“. Der Asiatische Amerikaner, der mit uns im Fahrstuhl fuhr, hat sich daraufhin eingemischt und auch noch eine Lobeshymne auf den Film angestimmt. Ich habe mir natürlich nichts anmerken lassen, habe aber richtig schlechte Laune bekommen. Mir zeigte diese kurze Situation, dass der Film etwas bei den Menschen (unabhängig von der Hautfarbe) bewirkt. Am nächsten Tag hatte ich „Green Book“ vergessen, auch wenn mir die Charaktere noch eine Weile in Erinnerung blieben. 

Die Charaktere sind es dann schließlich auch, die mir den Film nicht vollends vermiest haben. Auf der einen Seite, der aus einfachen Verhältnissen stammende, raufbeinige, weiße Schulabbrecher und auf der anderen Seite, der distinguierte, gebildete, schwarze Konzertpianist – wie sie sich annähern und gegenseitig lernen, sich zu akzeptieren und respektieren führt zwangsläufig zu unterhaltsamen Szenen. Beide Charaktere sind auch auf ihre Weise liebenswert. Nun ist es aber die Geschichte des Weißen (Tony Lip) und so erfährt man nicht viel mehr über den Schwarzen, als man bereits zu Beginn des Films wusste. Die Geschichte wäre interessanter, wenn sie entweder aus Sicht des bi- bzw. homosexuellen, schwarzen Pianisten, der sich in den 1960er Jahren auf eine Tournee durch den schwarzenfeindlichen Süden der U.S.A. begibt, erzählt worden wäre oder wenigstens aus beiden Perspektiven. Es ist aber so wie es ist, das sind einfach nicht meine Filme. 

Diesen Moment möchte ich nutzen, um zwei wirklich zeitgeistige 2018er-Filme über Rassismus zu empfehlen: Spike Lees BlacKkKlansman und The Hate U Give. 

Ich ärgere mich nicht über die pure Existenz von „Green Book“, vielmehr bin ich verärgert darüber, dass er eine Rolle in der Oscar-Saison spielt. Nicht einer dieser vier genannten Filme hat die Berechtigung, für den Oscar als Bester Film nominiert zu sein. Dafür sind diese Filme in ihrer Machart einfach nicht gut genug.

„Green Book“ galt zu Beginn der Oscar-Saison bei einigen Oscar-Experten schon als Oscar-Gewinnerfilm. Nun steht „Green Book“ seit einiger Zeit in der Schusslinie. Der Neffe und Bruder von Dr. Don Shirley haben das Gefühl, dass ihr Onkel bzw. Bruder und seine Beziehung zu der Familie und die Freundschaft von Don Shirley und „Tony Lip“ falsch dargestellt wurde. Allgemein wird der Film dafür kritisiert, dass er nur aus der Perspektive des weißen Charakters erzählt wird. Dann, ich hatte es in meiner November-Prognose zu den Oscar-Nominierungen 2019 bereits erwähnt , hat sich Viggo Mortensen auch noch einen Fauxpas geleistet. „Green Book“ wird sicherlich für den Oscar als Bester Film nominiert, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er diese Kategorie für sich entscheiden kann. 

Sehr wahrscheinlich sind aber Oscar-Nominierungen für Viggo Mortensen und Mahershala Ali und zwar zu Recht. Viggo Mortensen hat sich für diese Rolle einen italienisch-amerikanischen Akzent antrainiert und hat rund 20 kg zugenommen. Ihn hatte ich auch noch in meiner ersten Prognose zu den Oscar-Nominierungen 2019 als Gewinner gesehen, mittlerweile denke ich aber eher, dass es sich zwischen Christian Bale („Vice“) und Bradley Cooper (A Star is Born) entscheiden wird. Der Oscar-Gewinner Mahershala Ali (Moonlight) zeigt hier erneut, was er für ein exzellenter Schaupieler ist, er galt für eine gewisse Zeit bereits als Oscar-Anwärter in der Kategorie Beste Nebenrolle. Hier ist das Rennen mittlerweile aber wieder etwas offener, es wird sich wohl zwischen ihm, Richard E. Grant (Can You Ever Forgive Me?) und Sam Elliot (A Star is Born) entscheiden (mit einer Außenseiter-Chance für Adam Driver, sollte BlacKkKlansman die Kategorie Bester Film gewinnen). 

„Green Book“ ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller (Viggo Mortensen), Bester Nebendarsteller (Mahershala Ali), Bestes Originaldrehbuch und einige technische Kategorien Update: „Green Book“ hat 5 Oscar-Nominierungen (Bester Film, Bester Hauptdarsteller Viggo Mortensen, Bester Nebendarsteller Mahershala Ali, Bestes Originaldrehbuch und Bester Schnitt) erhalten. Update: „Green Book“ hat drei Oscars (Bester Film, Bestes Originaldrehbuch und Bester Nebendarsteller – Mahershala Ali) gewonnen.

„Green Book“ wurde erstmalig auf dem Toronto International Film Festival 2018 gezeigt. Auf diesem Filmfestival hat der Film den Publikumspreis gewonnen. Der Film ist am 16.11.18 in 25 amerikanischen Kinos gestartet. Mittlerweile läuft er landesweit in 1,215 Kinos. Der Film kommt unter dem Filmtitel „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ am 31.01.19 in die deutschen  Kinos.

Trailer zu sehen:

 

vorgeschaltete Trailer: 

Trailer v. Film: „What Men Want„

Bewertung des Trailers: C-

Kommentar: Komödie, eine scheinbar völlig unlustige noch dazu. Mit Taraji P. Henson und Tracy Morgan 

Wie oft schon im Kino gesehen: 2 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: ganz sicher nicht 


Trailer v. Film: „If Beale Street Could Talk„

Bewertung des Trailers: B

Kommentar: möglicher Oscar-Kandidat und neuer Film von Barry Jenkins (Moonlight)  

Wie oft schon im Kino gesehen: 1 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%


Trailer v. Film: „On the Basis of Sex„

Bewertung des Trailers: B-

Kommentar: Biopic über RBG mit Felicity Jones in der Hauptrolle

Wie oft schon im Kino gesehen: 2 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%


Trailer v. Film: „The Favourite„

Bewertung des Trailers: B+

Kommentar: möglicher Oscar-Kandidat. Yorgos Lanthimos neuer Film mit Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone

Wie oft schon im Kino gesehen: 7 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: bereits auf dem NYFF56 gesehen


Trailer v. Film: „Welcome to Marwen„

Bewertung des Trailers: B 

Kommentar: Neuer Film von Robert Zemeckis mit Steve Carell in der Hauptrolle, Film taugt wohl nichts.

Wie oft schon im Kino gesehen: 3 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mal gucken


Trailer v. Film: „The Mule„

Bewertung des Trailers: B

Kommentar: Clint Eastwoods neuer Film

Wie oft schon im Kino gesehen: 4 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100% 

 

13 Gedanken zu “San Francisco – Film: „Green Book“

  1. The Help und Hidden Figures habe ich bis heute nicht gesehen und ich vermute, ich werde es auch nie.
    Natürlich wird hier eine Menge Berechnung dabei sein. Ich persönlich stehe auch nicht auf diese Art Film. Dass man es auch früher schon anders konnte zeigte ja bereits „In the Heat of the Night“. Zwar wird hier auch bekehrt, aber hier sehen wir es ja aus der Sucht des Afroamerikaners. 🙂

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      • Ich glaube schon, dass es in den 1960er Jahren einfacher war, etwas Neues zu wagen. Es war die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther Kings, die amerikanische Welt war im Umbruch. Im Entstehungsjahr von „In the Heat of the Night“ kam auch einer meiner Lieblingsfilme „Guess Who´s Coming to Dinner“ (auch mit Sidney Poitier) raus. Außerdem war der Markt damals auch noch nicht so überlaufen, heutzutage finden doch nur noch Remakes, Reboots, Sequels, und vor allen Dingen Superhelden-Filme einfach ihre Geldgeber und scheinbar auch ein Publikum.

        Gefällt 1 Person

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