Berlin – Film: „Roma“


Ich war am 12.12.18 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Roma“ (in D. seit dem 6.12.18 in einigen ausgewählten Kinos zu sehen; seit dem 14.12.18  weltweit auf Netflix abrufbar)  135 min   drama 

dir. Alfonso Cuarón  cast: Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Fernando Grediaga, Jorge Antonio Guerrero, Marco Graf, Daniela Demesa 

 

Mexiko-City im Jahr 1970. Cleo (Yalitza Aparicio) arbeitet als Dienst- und Kindermädchen für die Familie von Sofia (Marina de Tavira) und ihren Mann Antonio (Fernando Grediaga). Hauptsächlich kümmert sie sich um ihre vier Kinder…

 

A- (Wertung von A bis F) „Roma“ ist der achte Spielfilm des mexikanischen Filmemachers Alfonso Cuarón („Y Tu Mamá También“, „Children of Men“, Gravity). Der Film ist autobiografisch geprägt und entspricht Cuaróns Erinnerung an seine Kindheit in den 1970er Jahren in dem titelgebenden Viertel von Mexiko City. 

„Roma“ ist ein Meisterwerk, das seine audio-visuelle Kraft tatsächlich wohl nur im Kino richtig entfalten kann. Der Film erzählt keine Geschichte, es sind eher Situationen und Momentaufnahmen, die einen in den Sog ziehen und am Ende ein ziemlich klares Bild von dem Alltag und dem Leben (nicht nur des Kindermädchens Cleo) in Mexiko City, Anfang der 1970er Jahre ergeben. 

Natürlich ist Cuaróns neuer Film eine Liebeserklärung an sein ehemaliges Kindermädchen (der Film wurde auch Liboria „Libo“ Rodríguez gewidmet) und ist damit ein sehr persönlicher Film. Das wird selbst dem Filmliebhaber deutlich, wenn man in einer Szene in einem Kino einen kurzen Ausschnitt eines 1960er-Jahre-Sci-Fi-Films mit zwei, im Weltraum schwebenden Astronauten sieht. Was in dieser kurzen Szene etwas primitiv daherkommt, mag die Inspiration für sein, vier Jahrzehnte später, geschaffenes Weltraumepos „Gravity“ gewesen sein.

Mich faszinieren generell Dinge, die simple aussehen, aber durchdacht und reich an Details sind. Der Film beginnt und endet mit einem Flugzeug, das man am Himmel sieht. Am Anfang spiegelt sich der Flieger in Cleos Wischwasser wieder, vielleicht kann man das als Konzentrationsappell verstehen, dass man sich ab diesem Moment in eine andere Welt begibt und am Ende des Films symbolisiert ein weiteres Flugzeug, dass man dann wieder in seine eigene entlassen wird. Die Sequenz am Strand zählt für mich zu den schönsten Filmsequenzen im Kino überhaupt. 

„Roma“ ist ein Netflix-Release. Meine Meinung zu diesem Streaming-Portal ist sehr gespalten. Filme wie „Roma“ würden wahrscheinlich ohne Netflix gar nicht existieren. Welcher amerikanische Verleih würde das Risiko eingehen, einen untertitelten, fremdsprachigen, schwarz/weiß-Film mit vorwiegend Laiendarstellern zu finanzieren? Netflix hat offensichtlich so viel Geld, Risiken einzugehen und dabei auch noch den visionären Filmemachern (beispielsweise den Coen Bros., jetzt Alfonso Cuarón oder Martin Scorsese) sämtliche künstlerische Freiheiten einzuräumen. Für die Regisseure sind das ideale Arbeitsbedingungen, „ihren“ Film entstehen zu lassen. Auf der anderen Seite verdienen diese Filme aber auch eine Kinoauswertung. Filme wie „Roma“ sollten für eine gewisse Zeit exklusiv im Kino präsentiert werden. Netflix ist daran nicht interessiert, sie setzen sich über bestehende Regeln hinweg. Sie umgehen die sonst in Deutschland üblichen mindestens vier Monate Sperrfrist (in den U.S.A. eine 90-tägige Frist) vor dem VOD/DVD-Start und stellen auch sonst die Bedingungen. Beispielsweise dürfen Kinobetreiber keine Zuschauer- bzw. Verkaufszahlen veröffentlichen. Das Streaming-Portal bestimmt schon seit längerer Zeit auch das Konsumverhalten der Zuschauer. In den U.S.A. gibt es seit Frühjahr 2018 das Gerücht, dass Netflix eine amerikanische Kinokette kaufen will. Sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. 

Dieses Jahr will Netflix nun mit „Roma“ eine entscheidende Rolle bei den Oscars spielen. Sie haben zwar bereits einen Oscar für eine Dokumentation („Icarus“) gewonnen, aber für eine Nominierung in der Kategorie Bester Film (mit Cary Fukunagas exzellentem Drama  Beasts of No Nation und Dee Rees „Mudbound“) hat es bekanntermassen noch nicht gereicht. Nun haben sie mit „Roma“ einen Prestige-Film von einem zweimaligen Oscar-Gewinner an der Hand und haben nichts dem Zufall überlassen. Netflix hat, ich hatte es in meiner ersten Prognose zu den Oscar-Nominierungen 2019 bereits erwähnt, die besten PR- und Oscar-Experten der Branche eingestellt, ihr Logo geändert und sind mit ihrem Film „Roma“ nun zu jedem einzelnen Filmfestival in Nordamerika gefahren. Das hat sich insoweit bereits rentiert, dass „Roma“ bei vielen amerikanischen Filmkritiker-Verbänden bereits zum Besten Film des Jahres gewählt wurde. Um sich für die Oscars zu qualifizieren, musste Netflix ihren Film mindestens eine Woche in einem kommerziellen amerikanischen Kino in Los Angeles County zeigen. Auch das hat Netflix erfüllt. 

Nachdem dieses Jahr mit Guillermo Del Toro (The Shape of Water) der letzte der Three Amigos (der drei großen mexikanischen Filmemacher mit Alejandro Gonzalez Inarritu, der zweimalige Regie-Oscar-Gewinner für Birdman und The Revenant und der Regie-Oscar-Gewinner Alfonso Cuarón für Gravity) mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ist es nun wieder Alfonso Cuarón, der im Rampenlicht der Filmpreisverleihungen steht. 

Alfonso Cuarón könnte für diesen Film allein fünf Oscar-Nominierungen erhalten. Er ist Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, ist zusammen mit Adam Gough für den Filmschnitt zuständig und da sein Freund, der dreimalige Oscar-Gewinner, Kameramann Emmanuel „Chivo“ Lubezki dieses Mal aus zeitlichen Gründen nicht zur Verfügung stand, hat Cuarón auch noch selbst die Kamera geführt. 

Derzeit gehe ich fest davon aus, dass „Roma“ in einigen Kategorien für den Oscars nominiert wird. Ich bin auch sicher, dass „Roma“ als bester Film nominiert wird. Das wäre die erste Oscar-Nominierung für einen Netflix-Film in dieser Kategorie. In meiner ersten und zweiten Prognose zu den Oscar-Nominierungen 2019 hatte ich „Roma“ als Gewinner-Film prognostiziert. Jetzt, nachdem ich den Film gesehen habe, muss ich davon abweichen. Um den Oscar zu gewinnen, muss ein Film die größte Gruppe innerhalb der Academy (die Schauspieler) hinter sich haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schauspieler einen Film mit Laienschauspielern als ihren Lieblingsfilm wählen. Alles zurück auf Anfang also, die Schauspieler wählen sicherlich eher BlacKkKlansman,  A Star is Born, The Favourite, vielleicht „Green Book“ oder  sogar Black Panther als Bester Film des Jahres 2018. (Stand 19.12.18). 

„Roma“ ist einer meiner Top Ten-Filme des Jahres 2018. 

„Roma“ ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch: Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Yalitza Aparicio), Beste Nebendarstellerin (Marina De Tavira), Beste Bestes Originaldrehbuch und einige technische Kategorien. Außerdem vertritt der Film Mexiko im Rennen um eine Oscar-Nominierung als bester nicht-englischsprachiger Film. Update: „Roma“ hat 10 Oscar-Nominierungen (Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio, Beste Nebendarstellerin Marina de Tavira, Bestes Originaldrehbuch, Bester nicht-englischsprachiger Film, Beste Kamera, Bestes Szenenbild, Bester Ton und Bester Tonschnitt) erhalten. Update: „Roma“ hat drei Oscars (Bester Regie, Beste Kamera und Bester fremdsprachiger Film) gewonnen.

„Roma“ ist erstmalig auf dem Venice International Film Festival 2018 gezeigt worden. Dort hat der Film den Hauptpreis, den Goldenen Löwen gewonnen. Nach diesem Filmfestival wurde „Roma“ auf sämtlichen Filmfestivals gezeigt. Drei Wochen vor dem Start auf Netflix, wurde der Film am 21.11.18 in einigen amerikanischen Kinos gestartet. Die größten amerikanischen Kinoketten (Regal und AMC) hatten es abgelehnt, „Roma“ zu spielen, da die 90-Tage-Regel nicht eingehalten wurde. Da die Vorstellungen in den kleineren Kinos jedoch allesamt ausverkauft waren, hat Netflix beschlossen, ihren Plattformstart auf bis zu 600 Kinos in den U.S.A. auszuweiten. Selbst in Deutschland ist der Film seit dem 6.12.18 an einzelnen Tagen in überschaubar ausgewählten Kinos in der spanischen/mixtekischen Originalfassung (entweder in der OV oder mit deutschen oder englischen Untertiteln) zu sehen. Obwohl ich ein Netflix-Abo besitze, wollte ich „Roma“ immer unbedingt im Kino sehen. „Roma“ ist für die große Leinwand geschaffen. Zum einen ist damit gewährleistet, dass man sich ganz und ohne Ablenkung auf diesen schönen Film einlassen kann, zum anderen wird dieser bild- und tongewaltige Film nur dort vollends zur Geltung kommen. Ich habe den Film für 17 Euro (inkl. einem Prosecco-Spritz) in der Astor Film Lounge in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln gesehen. Meine Vorstellung war ausverkauft. In Deutschland ist „Roma“ seit dem 14.12.18 auch auf Netflix zu sehen. 

Trailer zu sehen: 

 

 

vorgeschaltete Trailer: 

Trailer v. Film: „Der Junge muss an die frische Luft„

Bewertung des Trailers: B

Kommentar: Caroline Links Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie. Das Hörbuch kenne ich sehr gut, deutsche Filme gucke ich jedoch eher nicht im Kino 

Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: irgendwann im TV


Trailer v. Film: „Green Book„

Bewertung des Trailers: C+ (anderer Trailer, auch wurde dieser in der Synchro gezeigt) 

Kommentar: Oscar-Film mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali

Wie oft schon im Kino gesehen: 5 x

Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mittlerweile bereits gesehen

4 Gedanken zu “Berlin – Film: „Roma“

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