NYC – Film: „Lady Bird“


Ich war am 12.11.17 in New York und am 24.11.17 in Chicago und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„Lady Bird“ (dt. Kinostart: 19.04.18) 94 min drama, comedy
dir. Greta Gerwig cast: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Tracy Letts, Lucas Hedges, Timothée Chalamet, Beanie Feldstein, Stephen McKinley Henderson

 

Im Jahr 2002. Die 17-jährige Lady Bird (Saoirse Ronan) besucht die katholische Schule in Sacramento. Noch ein Jahr, dann kann sie endlich die piefige Stadt verlassen und an der Ostküste, wo die Intellektuellen und Künstler leben, studieren. Ein teures College können sie sich aber nicht leisten, das macht ihr ihre Mutter (Laurie Metcalf) immer wieder klar. Aber erst mal das letzte Jahr Highschool hinter sich bringen…

 

A- (Wertung von A bis F) „Lady Bird“ ist der erste Film, den die amerikanischen Schauspielerin und Drehbuchautorin Greta Gerwig („Greenberg“, Frances Ha, Mistress America, Maggie´s Plan) allein als Regisseurin stemmt. Zugleich hat sie auch das Drehbuch zu dem Film geschrieben, „Lady Bird“ wurde von ihren eigenen Teenager-Jahre inspiriert.

Die meisten Coming-of-Age-Filme erzählen über einen Jungen, der erwachsen wird. „Lady Bird“ portraitiert nun den prägenden Lebensabschnitt eines Mädchens im Jahr 2002. Die amerikanische Filmemacherin sagt, dass ihr erster Film nicht autobiografisch ist. Wenn man aber eine gewisse Vorstellung hat, wie Greta Gerwig als Teenager war, dann sieht man in jeder Szene, in der Saoirse Ronan Lady Bird spielt, die heranwachsende Greta Gerwig. Ihr Kleidungsstil, den Schmuck, den sie trägt, wie sie sich ihre Nägel lackiert, ihre Haare strähnt, ihr Zimmer gestaltet, dieses Anderssein (wollen), wie sie spricht, in bestimmten Situationen reagiert, selbst die ersten Beziehungen zu Jungs (gespielt von Lucas Hedges und Timothee Chalamet) oder wie sich die zu ihrer besten Freundin (gespielt von Beanie Feldstein) entwickelt…das hat doch Greta Gerwig Anfang der 2000er Jahre alles selbst erlebt, oder? Die Teenager-Zeit ist eine schwierige. Man verändert sich, alles ändert sich, man hat Ziele, aber weiß noch nicht, wie diese konkret aussehen, aus seinem jetzigen Leben will man ausbrechen, man glaubt alle anderen wollen einen nur Steine in den Weg legen, man ist super-selbstbewusst und im nächsten oder gar im gleichen Moment unsicher. Dann die Beziehung zu den Eltern – man hat mindestens ein nerviges Elternteil, das einen einfach nicht versteht – das ist eine Zeit, in der Eltern und Kinder nicht zusammenpassen und sich trennen sollten und zwangsläufig auch werden. „Lady Bird“ erzählt eine Geschichte aus dem Leben, es ist ein fabelhafter Film über das Erwachsenwerden, aber auch einer über das Loslassen seitens der Eltern.

Ich habe selten eine so realistische Mutter-Tochter-Beziehung im Film gesehen wie hier. Von dem Verhältnis von Lady Bird und ihrer Mutter, bekommt man bereits mit der Eröffnungsszene einen guten Eindruck. Lady Bird hat große Pläne, will weit weg von Sacramento und ihre Mutter kommt ihr dann mit dem Realitätsquatsch.

Einer der wichtigsten Dinge für einen Film ist die Besetzung. „Lady Bird“ ist durch die Bank perfekt besetzt. Alleine die Theater- und TV-Schauspielerin Laurie Metcalf („Roseanne“, „The Big Bang Theory“) als Lady Birds Mutter zu besetzen, war ein gelungener Schachzug. Als ihr die Rolle angeboten wurde, hatte die Schauspielerin selbst eine anstrengende 17-jährige Tochter Zuhause, vielleicht hat diese Situation noch irgendwie geholfen, hier so authentisch zu sein. Die Szenen am Flughafen sind ihre Oscar-Bewerbung und vielleicht gesellt sich zu ihrem Tony Award und ihren drei Emmy Awards schon bald ein Oscar. Dann der wunderbare Tracy Letts ist hier ganz anders und wieder toll. Beanie Feldstein (alleine, was für ein cooler Name) spielt hier die beste Freundin von Lady Bird und ist ein Hingucker. Optisch wird einem auffallen, dass sie eine frappierende Ähnlichkeit mit Jonah Hill hat (sie ist seine jüngere Schwester), schauspielerisch ist sie für mich eine Neuentdeckung. Auch wenn Lucas Hedges für Manchester by the Sea eine Oscar-Nominierung erhalten hat, hätte ich nicht gedacht, dass er so schnell, mal in einer ganz anderen Rolle überzeugen kann. In diesem eindrucksvollen Ensemble kann ich nicht alle hervorheben, eine muss aber natürlich noch erwähnt werden: Saoirse Ronan, a.k.a. die junge Greta Gerwig. Zu Recht wird die 23-Jährige hier – aller Wahrscheinlichkeit nach – für ihren dritten Oscar nominiert.

Es gab für mich bislang noch keinen Grund, in Kaliforniens Hauptstadt zu reisen, durch diesen Film, kann ich mir jedoch gut vorstellen, wie es ist, in Sacramento zu leben, insbesondere als 17-Jährige. Letztlich geht es aber um Heimat, die man als Teenager erst richtig zu schätzen weiß und vermisst, wenn man nicht mehr dort lebt.

„Lady Bird“ wird derzeit in den U.S.A. sehr gehypt, es ist der am besten bewertete Film bei Rotten Tomatoes, überhaupt. Zwar haben andere Filme auch „100% RT“ erreicht, aber kein Film hat diese makellose Bewertung bei (derzeit) 186 Kritiken erzielen können. Das heißt natürlich nicht, dass der Film perfekt ist und er für alle ein 10-Punkte-Film ist, nein, man sollte keinen Über-Film erwarten, aber es ist ein richtig guter Film, insbesondere für ein Erstlingswerk.

In der Zwischenzeit habe ich ihn mir bereits ein zweites Mal angeschaut und jetzt ist er festgesetzt in meiner Top Ten für Filme aus dem Jahr 2017.

Vier Frauen wurden bisher erst für ihre Regiearbeit für den Oscar nominiert: Lina Wertmüller, Jane Campion, Sofia Coppola und Kathryn Bigelow. Kathryn Bigelow war bekanntlich die einzige Oscar-Gewinnerin deren Film (The Hurt Locker) gewonnen hat und die auch für ihre Regiearbeit mit dem Academy Award ausgezeichnet wurde. Greta Gerwig hat mit ihrem Regiedebüt gute Chancen, als Regisseurin für ihren Film nominiert zu werden. Respekt.

In meiner ersten Prognose zu den Oscar-Nominierungen und Oscar-Gewinnern 2018   habe ich „Lady Bird“ bei den Filmen an achter Stelle gelistet. Nach meiner zweiten Sichtung kann ich mir sogar vorstellen, dass er den Oscar als Bester Film gewinnen könnte. A24 hat dieses Jahr den Oscar für Moonlight gewonnen, für das Filmjahr 2017 haben sie – wie es aussieht – zwei ernstzunehmende Kandidaten (The Florida Project und „Lady Bird“). An ihrer Stelle würde ich alles auf „Lady Bird“ setzen.

„Lady Bird“ ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Saoirse Ronan), Beste Nebendarstellerin (Laurie Metcalf), Bestes Originaldrehbuch und einige technische Kategorien. Update: Lady Bird hat 5 Oscar-Nominierungen erhalten (Best Picture, Best Director, Best Actress – Satires Ronan, Best Supporting Actress – Laurie Metcalf, Best Original Screenplay). Greta Gerwig ist damit nach Lina Wertmuller, Jane Campion, Sofia Coppola und Kathryn Bigelow erst die fünfte Frau die jemals von AMPAS in der Kategorie Beste Regie nominiert wurde.

„Lady Bird“ wurde erstmalig auf dem Telluride Film Festival 2017 gezeigt. Der A24-Film ist am 3.11.17 in vier amerikanischen Kinos gestartet. Mittlerweile läuft der Film landesweit in 1194 Kinos. Für Deutschland ist ein Kinostart am 19.04.18 geplant.

Trailer zu sehen:

vorgeschaltete Trailer:

Trailer v. Film: „The Shape of Water„
Bewertung des Trailers: A- (neuer/ Redband-Trailer)
Kommentar: Guillermo del Toros neuer (Oscar-)Film mit Sally Hawkins und Michael Shannon
Wie oft schon im Kino gesehen: 3 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „The Man Who Invented Christmas„
Bewertung des Trailers: C+
Kommentar: britischer Kostümfilm mit Dan Stevens und Christopher Plummer
Wie oft schon im Kino gesehen: 1 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: eher nicht

Trailer v. Film: „Wonder Wheel„
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: Woody Allens neuer Film mit Kate Winslet
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „Fantastic Woman„
Bewertung des Trailers: B+
Kommentar: chilenischer Film, der für die Oscars eingereicht wurde
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „I, Tonya„
Bewertung des Trailers: B
Kommentar: Margot Robbie als Tonya Harding – unglaublich wie furchtbar sie aussehen kann. Und ja klar, allein vom Trailer schon mind. eine Oscar-Nominierung für Allison Janney
Wie oft schon im Kino gesehen: 1 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Vor meiner zweiten Sichtung in Chicago bin ich etwas spät ins Kino gerauscht, mitbekommen habe ich noch die Trailer folgender Filme:

„Fifty Shades Freed“, „Phantom Thread“ und „The Disaster Artist“

 

Aufsteller von dem Film „Lady Bird“
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13 Gedanken zu “NYC – Film: „Lady Bird“

  1. Warum wird eigentlich so selten ein Darsteller in dem Alter, dass er spielen soll ausgewählt? Jetzt spielt Saoirse Ronan schon so lange Teenager, dass ich sie in Erwachsenenrollen gar nicht mehr für voll nehmen kann. Aber das nur am Rande, ich mag sie ohnehin nicht so sehr.
    Seit dem ich weiß, dass die Gerwig der wunderbaren Jennifer Jason Leigh den Mann abgejagt hat, sehe ich sie mit völlig anderen Augen :))
    Ich glaube, ich habe erstmal genug von Coming of Age-Filmen. Mal sehen, ob ich mich da überwinden kann. Die Metcalf mag ich aber sehr und Beanie war ein echter Modevorname bei Promis. Jede zweite Tochter aus der Zeit heißt wenigstens mit einem Namen Beanie :))

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    • Ja gut, das Problem haben viele Schauspieler. Nimm mal Leo, der hat ewig gebraucht, von dem niedlichen jungen Mann-Image loszukommen. Solange es glaubhaft ist, habe ich kein Problem damit. Saoirse ist definitiv hier glaubhaft. Man kann sich auch fragen, warum so viele Europäer/Australier oder Neuseeländer amerikanische Charaktere spielen, aber wenn es mit dem Akzent passt, ist alles okay. Saoirse Ronan habe ich jetzt in einigen Interviews mit ihrem krassen irischen Akzent gehört und in „Lady Bird“ spielt sie nun eine Mädchen, dass in Kalifornien aufgewachsen ist, so als wäre sie Amerikanerin.

      Ich bin ja kein Fan von Greta Gerwig als Schauspielerin, aber werde langsam warm mit ihr. Ja stimmt, Jennifer Jason Leigh war mal mit Noah Baumbach verheiratet. Aber ob Greta ihr nun den Mann ausgespannt hat, weiß ich nicht. Manchmal spielt das Leben so. :))

      Aber Du musst zugeben, dass die allermeisten Coming-of-Age-Filme über einen Jungen, der erwachsen wird, erzählen. Daher bildet dieser hier schon mal eine Ausnahme und wenn Du ihn nur wegen Laurie Metcalf siehst. Die ist so klasse.

      War Beanie wegen den damals so beliebten Beanie Babies so beliebt? Beanie allein finde ich auch gar nicht so toll, aber Beanie Feldstein ist doch ein Knaller. :))

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      • Ja das stimmt natürlich, das es mehr „Jungenfilme“ zum Thema gibt, aber es gibt ja leider auch mehr Regisseure als Regisseurinnen und jeder macht, was ihm am nächsten ist. Könnte mir das Thema auch schwer von einem Mann verfilmt vorstellen.
        Ja die Kombie Beanie Feldstein ist natürlich unschlagbar . Warum die alle so genannt wurden weiß ich nicht, hatte nur eine Häufung dieses Vornamen bemerkt. :))

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      • Wenn gute Regisseurinnen gute Filme machen, muss ich das generell unterstützen. Und klar gibt es weit mehr männliche Regisseure, aber auch weil den Frauen weniger Chancen gegeben werden. Sieht man ja wenn irgendein männlicher Regisseur einen mittelmässigen Indie macht, bekommt der gleich eine große Comic-Verfilmung angeboten, den talentierten Frauen wird so etwas nicht zugetraut. Nachvollziehen kann ich das nicht.

        Die Häufung von Beanie als Vornamen habe ich gar nicht bemerkt, aber kann tatsächlich mit diesen furchtbaren Beanie Babies zusammenpassen – von der Zeit her würde es auch passen. 🙂

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      • Ja, aber ich bleibe dabei. Der Film hat nur den Oscar gewonnen, weil die Academy zeigen wollte, dass sie auch unbekannte Regisseure auszeichnet, schwule und schwarze nicht diskriminiert und im ersten Jahr Trump unbedingt einen Gegenpol setzen wollte. Moonlight war weder der beste Film des letzten Jahres noch der beste mit der Gay-Thematik

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      • Letztlich hat aber Damien Chazelle Beste Regie gewonnen und „Moonlight“ Bester Film, Bestes adaptiertes Drehbuch und Bester Nebendarsteller. Für mich war „Moonlight“ einer der besten Filme des letzten Jahres und man muss immer die Konkurrenz für das Jahr sehen. Alles deutete im letzten Jahr auf „La La Land“, nicht alle mochten aber diesen Film. Mit dem preferential ballot-system (ich hatte es ausführlich in meinen damaligen Oscar-Prognosen geschrieben) gewinnt aber immer der Film, der von allen gemocht und von keinem gehasst wird. Ich denke auch, dass der #oscarsowhite-Faktor und die Trump-Wahl das eine oder andere Academy-Mitglied, das eh den Über-Favoriten-Status von „La La Land“ nicht nachvollziehen konnte, überzeugt hat, für „Moonlight“ zu stimmen.

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    • Hi! Prinzipiell schon. Aber mich würde es sehr wundern, wenn nach diesem Jahr nicht ein Film von einer Frau oder um eine Frau in der Hauptrolle im Mittelpunkt steht. Und da ist die Auswahl bekanntlich nun mal leider nicht sehr groß.

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      • Findest Du? Ich finde es gibt dieses Jahr außergewöhnlich viele gute Filme mit einer zentralen Frauenrolle. Nach wie vor glaube ich, dass „Three Billboards, Lady Bird, The Shape of Water und The Post sehr gute Chancen haben, den Oscar zu gewinnen. Was könnte denn sonst gewinnen? Dann haben wir einen Gay-movie mit Call Me By Your Name und einen „schwarzen“ sozialkritischen Horrorfilm, beide sind auch äußerst beliebt. Könnten natürlich auch gewinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass „Dunkirk“ und „Darkest Hour“ die vermeintlich typischen Academy-Filme, die geraden den älteren männlichen Academy-Mitgliedern gefallen, und vielleicht ein paar anderen auch. Aber sind beides Nummer-1-Filme? Fakt ist, dass wir ein beispielloses Oscar-Saison haben, wo noch kein Favorit in Sicht ist.

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