NYC – Film: „The Florida Project“


Ich war am 01.10.17 in New York und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 

„The Florida Project“(dt. Kinostart: 08.02.18) 115 min drama
dir. Sean Baker cast: Willem Dafoe, Caleb Landry Jones, Macon Blair, Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite, Valeria Cotto, Christopher Rivera

 

 

Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Kimberley Prince) lebt mit ihrer Mutter (Bria Vinaite) in einem billigen Motel, ganz in der Nähe von Disney World in Orlando. Während ihre Mutter irgendwie Geld auftreiben muss, um die wöchentliche Miete für das Motel zu zahlen, hat das Mädchen Sommerferien. Moonee, ihr gleichaltriger Kumpel Scooty (Christopher Rivera) und ihrer neuen Freundin Jancey (Valeria Cotto) müssen sich irgendwie die Langeweile vertreiben. Bei den chaotischen Motel-Bewohnern versucht der Manager Bobby (Willem Dafoe) für Ordnung zu sorgen.

 

B+ (Wertung von A bis F) „The Florida Project“ ist der neue Film des amerikanischen Filmemachers Sean Baker („Starlet“, „Tangerine“).

Zugegebermassen fand ich den Film ziemlich anstrengend. Anstrengend weil es mir eine Spur zu realistisch erschien. Sean Baker führt einen mit seinem neuen Film in ein Milieu, für das man am Ende ein Gefühl bekommen hat, das man dann aber so schnell wie möglich wieder verlassen will. Alle Persönlichkeiten, mit Ausnahme von Willem Dafoes Bobby, sind durch die Bank schrecklich. „The Florida Project“ ist eine Sozialstudie über eine Gesellschaft, die so sehr wohl im wahren Leben existiert. Hier sind es wohnungslose, alleinerziehende junge Mütter, die mit ihren kleinen Kindern in billigen Motels hausen, quasi die letzte Station vor der Obdachlosigkeit. Halley (gespielt von der Newcomerin Bria Vinaite), eine der jungen Mütter, hat selbst keine Erziehung genossen, lebt in den Tag hinein und versucht durch irgendwelche legalen oder illegalen Deals am Ende der Woche, das Geld für die Zimmer-Miete zusammenzuhaben. Es ist die Art von Frauen, die ihre billigen Tätowierungen voller Stolz zur Schau tragen, sehr selbstbewusst auftreten und latent aggressiv sind. Die Kinder solcher Mütter haben natürlich nie gelernt, sich zu benehmen oder gar Respekt zu zeigen. Jetzt haben diese Blagen auch noch Sommerferien und langweilen sich – alles in direkter Nähe zu dem Kinderparadies Disney World, einen Besuch können sich ihre Mütter natürlich nicht leisten….

So traurig die Gesamtsituation ist, wenn man darüber nachdenkt, so genervt ist man von den einzelnen kleinen oder größeren Persönlichkeiten in seiner Nähe. Sean Baker schafft hier eine fast schon intime Nähe zwischen dem Zuschauer und dieser Gesellschaft. Ich kannte am Ende der Geschichte sogar den Geruch dieser farbenfrohen und doch so tristen Welt.

Es hat sich definitiv ausgezahlt, dass der Filmemacher für diesen Film viel recherchiert hat und nur an Original-Schauplätzen gedreht hat, auch wenn ein Helikopter-Landeplatz direkt neben dem Motel war. Auf einen Filmscore hat Sean Baker verzichtet, er hat seine Schauspieler (gerade auch die Kinder) am Set viel improvisieren lassen, vielleicht sind das alles Gründe dafür, warum man diesen Spielfilm wie eine Reportage erlebt.

Vor zwei Jahren hat Sean Baker mit dem durchaus beeindruckenden Film „Tangerine“ für Aufsehen gesorgt, vor allen Dingen, weil er diesen Film komplett auf einem iPhone gedreht hat. Die Endsequenz in „The Florida Project“ hat er auch mit dem iPhone gefilmt.

Im Q & A hat der Regisseur erzählt, dass er die Hauptdarstellerin Bria Vinaite auf Instagram entdeckte. Sie hatte keinerlei Schauspielerfahrung. In dieser Rolle ist sie absolut authentisch, ebenso wie ihre Filmtochter Moonee (von Brooklyn Kimberly Prince portraitiert). Die Seele des Films ist allerdings Willem Dafoe und daher sehe ich eine Oscar-Nominierung als gerechtfertigt an.

Zur gleichen Zeit vor einem Jahr habe ich auf dem New York Film Festival den späteren Oscar-Gewinnerfilm Moonlight gesehen. Seinerzeit ist das New Yorker Publikum ausgerastet, gab stehende Ovationen. Als ich mir „The Florida Project“ auf dem NYFF55 anschaute, hat mich vieles an den Moment erinnert. Offensichtlich erzählen beide Filme u.a. von einer Kindheit in der Unterschicht Floridas. Auch bei „The Florida Project“ gab es vom eher zurückhaltenden New Yorker Publikum tosenden Applaus als der Regisseur und seine Schauspieler auf dem Balkon erschienen. Das New York Film Festival gilt als Gradmesser, viele Filme wurden bereits auf anderen, für die Oscars wichtigeren Filmfestivals gezeigt, aber wenn der Film dann bei den New Yorkern ankommt, stehen die Chancen gut, dass der Film sich als ernstzunehmender Kandidat bei den Oscars etablieren kann. Das ist bei „The Florida Project“ meines Erachtens der Fall. Außerdem liegt der Film bei den A24-Leuten in den besten Händen, bei den letzten Oscars hat dieser noch junge Filmverleih mit dem Oscar-Gewinn für „Moonlight“ gezeigt, dass sie verstanden haben, wie das Oscar-Geschäft läuft.

„The Florida Project“ ist für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Bester Film, Beste Regie, Bester Nebendarsteller (Willem Dafoe), Beste Nebendarstellerin (Bria Vinaite, Brooklynn Kimberly Prince), Bestes Originaldrehbuch. Update: The Florida Project hat 1 Oscar-Nominierung erhalten (Best Supporting Actor – Willem Dafoe)

„The Florida Project“ wurde erstmalig auf dem Cannes Film Festival 2017 gezeigt. Der Film startete am 6.10.17 in vier amerikanischen Kinos. Ich habe den Film auf dem New York Film Festival 2017 gesehen. Der Regisseur und sämtliche Schauspieler waren anwesend und wurden nach dem Film interviewt, bzw. haben sich den Fragen des Publikums gestellt. Bislang hat der Film noch keinen Termin für einen deutschen Kinostart. Update: „The Florida Project“ soll am 08.02.18 in den deutschen Kinos starten.

Eigentlich uninteressant: Isabelle Huppert saß bei diesem Film (als normale Zuschauerin) zwei Sitzplätze von mir entfernt.

 

Trailer zu sehen:

 

Nach dem Film „The Florida Project“ anschließende Q & A mit dem Filmemacher Sean Baker (am Mikro), seinem Co-Autor und den Schauspielern.

 

Nach dem Film „The Florida Project“ anschließende Q & A, hier Willem Dafoe, die drei Kinderdarsteller und Newcomerin Bria Vinaite (von links)

 

Nach dem Film „The Florida Project“ anschließende Q & A, hier Newcomerin Bria Vinaite (links), Sean Baker am Mikro
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