L.A. – Film: „The Birth of a Nation“


Ich war am 13.10.16 in Los Angeles und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 
„The Birth of a Nation“ (dt. Filmtitel: „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit, dt. Kinostart: 13.04.17) 118 min drama, biopic
dir. Nate Parker cast: Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone Junior, Jackie Earle Haley, Penelope Ann Miller, Aja Naomi King, Gabrielle Union, Dwight Henry, Tony Espinosa

 
Southhampton County, Virginia. Der Afroamerikaner Nat Turner (Tony Espinosa) ist Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Turner-Plantage aufgewachsen. Im Gegensatz zu den anderen Sklavenkindern durfte er im Haus der Turner-Familie leben und lesen hat er auch gelernt. Dabei durfte er aber einzig die Bibel lesen. Als erwachsener Mann (Nate Parker) fährt er mit seinem Sklavenhalter Sam Turner (Armie Hammer) als Wanderprediger durchs County und predigt vor seinen Leidensgenossen. Die anderen Sklavenhalter bezahlen für seine Predigt, weil sie sich dadurch versprechen, dass es keine Aufruhr unter den Sklaven geben wird. Auf seinen Fahrten wird Nat Turner immer mehr die Unmenschlichkeit der Sklaverei bewusst, nach der brutalen Vergewaltigung seiner Frau Cherry (Aja Naomi King) und einer anderen Sklavin (Gabrielle Union) führt er schließlich einen gewaltsamen Aufstand gegen die Sklavenhalter an.

 

 

C- (Wertung von A bis F) „The Birth of a Nation“ basiert auf einer wahren Geschichte. Es ist das Regiedebüt des amerikanischen Schauspielers Nate Parke (Arbitrage). Mit dem gleichnamigen amerikanischen Stummfilm aus dem Jahr 1915 hat dieser Film nichts zutun.

 
Jedes Sklavendrama, das bei den Oscars mitspielen will, wird sich mit dem Meisterwerk 12 Years a Slave vergleichen lassen müssen. Natürlich kann „The Birth of a Nation“ dabei nicht gewinnen. Ich habe mich aber auch gefragt, was mir der Filmemacher und Co-Autor Nate Parker hier für eine Geschichte erzählen will. Nat Turner war ein Sklave, der lesen lernte, die Bibel studierte, als Prediger durchs Land tingelte und vor anderen Sklaven sprach, um die ruhig zu stellen. Bei seinen Fahrten wurde Nat Turner die Unmenschlichkeit der Sklaverei immer mehr bewusst und so führt er nach der Massenvergewaltigung seiner Frau und der Vergewaltigung einer anderen Sklavin, einen Sklavenaufstand an. Dabei haben er und seine Komplizen ihre Sklavenhalter brutal abgeschlachtet. Begründet hat er seine Tat mit Bibelzitaten. Vielleicht sehe ich das etwas eng, aber Nat Turner ist für mich kein Held. Das ist für mich eine eindeutige Rachegeschichte. Nate Parker verkauft es aber irgendwie als Heldengeschichte. In einer Szene hat der Regisseur (und zugleich Hauptdarsteller) sich – also Nat Turner – sogar Jesusähnlich inszeniert…von dem Engel gegen Ende des Films brauche ich erst gar nicht anzufangen.

 

 

Man braucht nicht darüber diskutieren wie menschenverachtend und schlimm das System der Sklaverei war, ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass viele Plantagenbesitzer und Sklavenhalter grundböse und ihre Sklaven unbeschreiblich brutal behandelt haben – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder einzelne so war. Hier werden aber alle weißen Männer so dargestellt, Schauspieler Jackie Earle Haley treibt das Ganze auf die Spitze, sein Charakter wirkt wie die Karikatur eines Sklavenhalters.

Nate Parker hat acht Jahre an seinem Projekt gearbeitet, dabei herausgekommen ist ein typischer Hollywood-Film über Nat Turners Leben, ohne dass „The Birth of a Nation“ von einem Hollywoodstudio finanziert wurde. Da kein Filmstudio diese Geschichte finanzieren wollte, hat Nate Parker die 8,5 Millionen Dollar Produktionskosten von verschiedenen Investoren (u.a. Sportler und Zahnärzte) aufgetrieben.

Nate Parker spielt hier die Hauptrolle und führt zum anderen auch erstmalig Regie. Als Schauspieler fand ich ihn bislang nicht schlecht, hier hat er meine Geduld aber etwas überstrapaziert. Als Regisseur ist er nicht talentfrei, allerdings nervt es mich, wenn Regisseure mit ihren Regietricks (durch Musik- und Lichteinflüsse, aber auch mit eindeutigen Kameraeinstellungen), den Zuschauer versuchen, zu manipulieren. Steven Spielberg ist ein Meister darin – vielleicht hat Nate Parker einfach zu viele Spielberg-Filme gesehen.

 
Biopics sollten sich grundsätzlich an die wichtigsten Fakten halten und diese auch darstellen. Bei dem, von Nat Turner angeführten Sklavenaufstand wurden 60 Weiße mit Äxten und Beilen niedergemetzelt – darunter waren auch Frauen, Kinder und sogar ein Baby und nicht nur das, durch diesen fehlgeschlagenen Aufstand hat er das Leben von so vielen, an dem Aufstand unschuldigen Sklaven natürlich noch verschlimmert, aus Vergeltung wurden dann rund 100 Sklaven getötet. Das hätte in einem Nat-Turner-Biopic nicht fehlen dürfen. Nate Parker hat dafür die Massenvergewaltigung von Nat Turners Frau und die Vergewaltigung einer anderen Sklavin erfunden, sie dienen seinem „Helden“ Nat Turner als Auslöser für seinen Aufstand. Gerade die ausgedachte Vergewaltigung ist hinsichtlich der Vergangenheit von Co-Produzent, Co-Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Nate Parker, höflich gesagt, sehr schwierig.

Nate Parker hat seinen Film erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2016 gezeigt und dort wurde er frenetisch gefeiert. Es gab stehende Ovationen bevor und nachdem der Film gezeigt wurde. Um die Stimmung in Sundance nachvollziehen zu können, muss man die Umstände sehen. Wenige Tage zuvor wurden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben und das zweite Jahr in Folge war keine Diversität bei den Nominierungen zu sehen. AMPAS sah sich einem Shitstorm sondergleichen ausgesetzt. (Besser bekannt als #Oscars-So-White). In dieser Aufregung kam ein Film eines Afroamerikaners über die Sklaverei und einen schwarzen Sklaven, der einen Sklavenaufstand anführte, natürlich gerade recht.

In der ganzen Euphorie hat Netflix rekordbrechende 20 Millionen Dollar für den Film geboten,  Nate Parker hat den Film aber dann für 17,5 Millionen Dollar an Fox Searchlight verkauft. Für ihn war damit gesichert, dass „The Birth of a Nation“ eine Oscar-Kampagne erhält. Zwei Jahre zuvor, im Jahr 2014, hat Fox Searchlight erst Steve McQueens „12 Years a Slave“ zu einem Oscar-Gewinn als Bester Film verholfen.

Mittlerweile ist „The Birth of a Nation“ in den amerikanischen Kinos gestartet (und gefloppt). In den U.S.A. wurde öffentlich zum Boykott des Films aufgerufen. Viel zu umstritten ist Nate Parker mittlerweile. In meiner ersten Prognose zu den Oscar-Nominierungen 2017  hatte ich bereits darüber berichtet, dass er und sein afroamerikanischer Co-Autor von „The Birth of a Nation“ im Jahr 1999 eine weiße Kommilitonin vergewaltigt haben sollen. Es gab Hinweise, dass die Studentin in der vermeintlichen Tatnacht bewusstlos oder zumindest völlig betrunken gewesen sein muss. Letztlich hat sie Nate Parker und Jean Celestine angezeigt, der Fall landete vor Gericht und während Jean Celestine zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde, wurde Nate Parker freigesprochen. Celestine ging in Berufung, der Fall wurde letztlich eingestellt – auch weil das Opfer nicht ein weiteres Mal vor Gericht aussagen konnte oder wollte. Diese Vergewaltigungsgeschichte ist nicht unbekannt, seit Jahren gab es einen Eintrag auf Nate Parkers Wikipedia-Seite. Seit Januar gilt „The Birth of a Nation“ nun aber als potenzieller Oscar-Kandidat. Oscar-Kampagnen können ähnlich schmutzig sein wie US-amerikanische Präsidentschaftskampagnen (wobei Donald Trump dieses Jahr die Messlatte unerreichbar hoch gelegt hat). Jedenfalls um den möglichen Konkurrenten während der Oscar-Saison den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat sich Fox Searchlight nun im August bereiterklärt, mit der Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Schuss ging nur leider nach hinten los, Nate Parker stellte sich in einem Interview als Opfer dar und dann kam kurz darauf noch heraus, dass sich das vermeintliche Vergewaltigungsopfer in der Zwischenzeit das Leben genommen hat. Unabhängig wie gut oder schlecht der Film „The Birth of a Nation“ ist, ab dem Moment spätestens waren die Chancen auf einen Oscar-Gewinn  von Nate Parker und seinem Film gelaufen. Kurz bevor sein Film in die amerikanischen Kinos gekommen ist, habe ich Nate Parker live im Frühstücksfernsehen gesehen und fand ihn sehr unsympathisch und arrogant. Wäre ich seine PR-Beraterin, ich hätte ihm nach dem Interview im August davon abgeraten, je wieder ein Interview zu geben. Fakt ist, die Academy-Mitglieder stimmen grundsätzlich nicht für einen Film eines hauptsächlich durch einen Vergewaltigungsskandals bekannten Schauspieler, der sich auch noch so unsympathisch präsentiert. Erschwerend hinzu kommt, dass der Film – auch objektiv betrachtet – nicht besser als Durchschnitt ist.

 

 

„The Birth of a Nation“ war (ist) für einige Oscar-Nominierungen im Gespräch, u.a. Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller (Nate Parker), Bester Nebendarsteller (Armie Hammer), Beste Nebendarstellerin (Aja Naomi King), Bestes Originaldrehbuch Update: „The Birth of a Nation“ wurde bei den Oscar-Nominierungen nicht berücksichtigt.

 

 

„The Birth of a Nation“ wurde erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2016 gezeigt. Mitten in der Oscars-So-White-Debatte hat der Film dort sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis gewonnen. Am 7.10.16 ist der Film in die amerikanischen Kinos gekommen. „The Birth of a Nation“ kommt am 13.04.17 in die deutschen Kinos.

 
Trailer zu sehen:

 

 

 

 

 

 

vorgeschaltete Trailer:

Trailer v. Film: „Inferno„
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: Mal wieder eine Dan-Brown-Verfilmung mit Tom Hanks
Wie oft schon im Kino gesehen: 3 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

Trailer v. Film: „Fences„
Bewertung des Trailers: B+
Kommentar: Denzel Washingtons Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks mit Denzel selbst in der Hauptrolle und Viola Davis. Ganz aktuell hat sich Viola Davis dazu entschlossen, als Beste Nebendarstellerin zu kandidieren. Für diese Theaterrolle hat sie den Tony als Beste Hauptdarstellerin gewonnen.
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „Moonlight„
Bewertung des Trailers: B+
Kommentar: Barry Jenkins wunderbarer Film.
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: bereits auf dem NYFF54 gesehen

 
Trailer v. Film: „Get Out„
Bewertung des Trailers: A-
Kommentar: Thriller mit Catherine Keener
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „Live by Night„
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: Ben Afflecks neuer Film als Regisseur und Hauptdarsteller. Eine Dennis-Lehane-Verfilmung mit Elle Fanning, Brendan Gleeson, Chris Cooper und Sienna Miller
Wie oft schon im Kino gesehen: 1 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „Rogue One: A Star Wars Story„
Bewertung des Trailers: C+ (neuer Trailer)
Kommentar: Ein Film aus dem Star-Wars-Universum mit Felicity Jones, Ben Mendelsohn, Forest Whitaker und Mads Mikkelsen. Den Sinn verstehe ich nicht, außer dass man bei Lucasfilm und Disney alle Möglichkeiten ausschöpft, richtig viel Geld mit dem Namen „Star Wars“ zu machen.
Wie oft schon im Kino gesehen: 2 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

Trailer v. Film: „Jackie„
Bewertung des Trailers: A-
Kommentar: Biopic über Jacqueline Kennedy mit Natalie Portman in der Hauptrolle. Ganz klar sehe ich hier eine Oscar-Nominierung, obwohl ich kein Freund der Portman bin.
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „Hidden Figures„
Bewertung des Trailers: C+
Kommentar: Biopic über afroamerikanische Frauen, die für die NASA gearbeitet haben. Bei Octavia Spencer bin ich generell draußen. Mal gucken, wie weit der Film hinsichtlich der Oscars kommt.
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: abwarten

 

amerikanischer Aufsteller von "The Birth of a Nation"
amerikanischer Aufsteller von „The Birth of a Nation“

 

13 Gedanken zu “L.A. – Film: „The Birth of a Nation“

  1. Hört sich unsympathisch an und ich glaube nicht, dass ich den Film sehen will.

    Von „Jackie“ hatte ich Bilder gesehen. Ich weiß nicht, ob die Portman hier die Richtige ist, obwohl es immer schwer ist so eine Persönlichkeit wiederzugeben, insbesondere bei dieser Frau, über die man so viel sehen und lesen konnte und so gute Dokus liefen. Natürlich bin ich trotzdem neugierig, auch wenn hier nur ein winziger Ausschnitt aus ihrem Leben erzählt wird. Eines der Filmposter ist sehr schön rot :))

    Gefällt 1 Person

  2. Hatte sich die Studentin nicht sogar kurze Zeit später das Leben genommen? Muss auch gestehen, dass dieser Hintergrund nicht spurlos an mir vorbeigeht. Aber auch unabhängig davon hat der Film kein großes Interesse geweckt.

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    • Nein, sie hat sich erst im Jahr 2012 das Leben genommen. Der Vorfall war im Jahr 1999 und kurz danach hatte er und sein Kumpel auch noch auf massive Weise auf der Uni versucht, ihren Ruf zu schädigen. Sie hat dann auch die Universität verklagt, weil sie sich nicht ausreichend unterstützt und geschützt sah. Es kam zu einem Vergleich, Penn State hat ihr Geld gezahlt.

      An mir gehen persönliche Hintergründe von Schauspielern oder Regisseuren auch nicht vorbei. Roman Polanski und Woody Allen haben sich auch nicht wenig zu Schulden kommen lassen. Sie waren aber zu dem Zeitpunkt schon mehr bekannt für ihre Filme.

      Gefällt 1 Person

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