Berlin – Film: „Toni Erdmann


Ich war am 19.07.16 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

 
„Toni Erdmann“ (dt. Kinostart war der 14.07.16) 162 min drama, comedy
dir. Maren Ade cast: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Ingrid Bisu, Lucy Russell, Hadewych Minis

 
Ines (Sandra Hüller) ist beruflich erfolgreich. Derzeit arbeitet sie als Unternehmensberaterin in Bukarest. Eines Tages bekommt sie überraschend Besuch von ihrem Vater Toni (Peter Simonischek). Er ist ein seltsamer Kauz und wird sie schon bald mit seinem Humor in Verlegenheit bringen wird.

 

 

A- (Wertung von A bis F) „Toni Erdmann“ war der Lieblingsfilm der Kritiker und des Publikums auf dem diesjährigen Cannes Filmfestival.

Ich hatte Anfangsschwierigkeiten mit dem Film. Menschen, die andauernd Witze erzählen oder – wie die Filmfigur Toni – sich ein falsches Grusel-Gebiss ein- und eine grausige Perücke aufsetzen, um dann Lacher zu provozieren, finde ich anstrengend. Entsprechend hatte ich mit Toni meine Probleme. Ich kann mich erinnern, dass ich mich während des Films irgendwann fragte, was die Amis (und nicht nur die) an diesem Film so lieben. Über weite Strecken hatte ich eher eine B-Bewertung im Kopf. In die Lage der Tochter konnte ich mich jedoch recht schnell versetzen. Bei einer kurzen und doch so vielsagende Szene in einem Club liefen mir dann erstmals die Tränen, es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Ich konnte mich in der Figur der Tochter so wiederfinden, wie man sich als Tochter wiederfindet, wenn man so anders als seine Eltern tickt, vermeintlich in einer anderen Welt lebt, seine Eltern aber natürlich trotzdem liebt. „Toni Erdmann“ ist eine Tragikomödie, aber auch eine unglaublich gut beobachtete Charakterstudie. Die ganze, lebensnahe Schönheit des Film ist nur über die komplette Laufzeit des Films zu erfassen.

Die deutsche Autorin/Filmemacherin Maren Ade hat einen sehr konsequenten Film gedreht. Ihr Drehbuch geht in unvorhersehbare Richtungen. Bei manchen Szenen habe ich mich sehr unwohl gefühlt und ganz sicher hätten die meisten Filmemacher bestimmte Szenen irgendwann abgeblendet, nicht so Frau Ade. Sie lässt die Fremdschäm-Momente einfach laufen, lässt den Zuschauer mitleiden. Ich kenne keinen Filmemacher, der diese Geburtstagsparty-Szene so durchgezogen hätte. Sicherlich hätte man den Film kürzen können, im Nachhinein bin ich mit dem Endresultat aber glücklich.

Sandra Hüller, eine deutsche Schauspielerin, die mir bislang nicht bekannt war, gibt hier nicht weniger als eine Oscar-Performance. Dafür bedarf es meistens nur einer richtig überragenden Szene. Sandra Hüller liefert hier mindestens vier solcher Szenen. Sie spielt von innen heraus, kann – ohne ihre Mimik groß einzubringen – mit ihrem Gesicht ihre Gedanken auf den Zuschauer übertragen. Das können die wenigsten großen Schauspieler. Manchmal sind es kurze Momente (wie die Szene zum Schluss), die so echt daherkommen, dass mir sofort die Tränen in die Augen schossen. Grandios natürlich die „Whitney-Schnuck“-Szene. Manchmal hat mich ihre Performance an Charlotte Ramplings in 45 Years erinnert.

 

„Toni Erdmann“ ist festgesetzt in meiner Top Ten für Filme aus dem Jahr 2016.

„Toni Erdmann“ wurde erstmalig auf dem Cannes Film Festival 2016 gezeigt. Dort wurde der Film mit dem internationalen Kritikerpreis, dem FIPRESCI-Prize ausgezeichnet. Sony Pictures Classics hat den Film für den amerikanischen Markt gekauft. Ein U.S.-amerikanischer Kinostart ist derzeit für den 25.12.16 anvisiert. Damit startet „Toni Erdmann“ inmitten der Oscar-Saison. Es ist im Moment jedoch noch nicht entschieden, ob der Film für Deutschland überhaupt ins Rennen für die Nominierung eines Academy Award als bester fremdsprachiger Film geht. Update: Am 25.08.16 hat die Auslandsvertretung des Deutschen Films bekanntgegeben, dass „Toni Erdmann“ für Deutschland ins Rennen um den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film geht. Update: „Toni Erdmann“ hat eine Nominierung als bester fremdsprachiger Film erhalten.

Die Oscar-Academy hat Maren Ade dieses Jahr übrigens eingeladen, Mitglied von AMPAS zu werden. Sie wurde in die elitäre Regie-Branche gewählt.

 
„Toni Erdmann“ ist ein deutscher Film, sehr viele Dialoge werden jedoch in Englisch gehalten.

Trailer zu sehen:

 

 

 
vorgeschaltete Trailer:

 

 

Trailer v. Film: „24 Wochen„
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: Deutscher Film mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

Trailer v. Film: „El Olivo – Der Olivenbaum„
Bewertung des Trailers: C+
Kommentar: spanischer Film
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mal gucken

Trailer v. Film: „Julieta„
Bewertung des Trailers: C+
Kommentar: der neue Almodóvar-Film
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: bestimmt

Trailer v. Film: „Frühstück bei Monsieur Henri„
Bewertung des Trailers: B
Kommentar: französischer Film
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: mal gucken

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deutsches Filmplakat
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Ich war mal wieder beeindruckt, dass man in Deutschland „Überlänge“-Zuschlag zahlen muss.

 

7 Gedanken zu “Berlin – Film: „Toni Erdmann

  1. Der Vergleich mit Charlotte Rampling ist mehr als passend. Wäre ich so gar nicht drauf gekommen. Freut mich, dass du ihn auch so schön fandest. Überhaupt ist es auffallend, dass jeder ihn anders schön findet. Maren Ade hat nach der Vorstellung gesagt, dass die Figuren auch so offen angelegt sind, dass man es sich aussuchen kann, mit wem man geht und sie findet, dass ein Film wie ein Spaziergang sein sollte: Jeder soll sich aussuchen können, wohin er geht. Fand das ist ein sehr treffendes Bild.

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    • An Charlotte Rampling habe ich mich in den vielen stillen Momenten erinnert. Hört sich klug an, was Maren Ade über Filme sagt. Ich bin ja der Überzeugung, dass man bei Filmen (insbesondere Dramen), die einem besonders nahe gehen, sich oftmals auch in einem der Charakter wiederfindet. Ich bin völlig verheult aus dem Kino gekommen… 🙂

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      • Ja, diese Frau ist sehr klug. Musste in einem Moment so auflachen und habe gleichzeitig dabei geschluchzt. Wobei ich mehr bei Winfried war. Der spiegelte so wunderbar die Tragik, die ab und an mal im Leben einzieht. Und dann kommt ein Kunstgebiss und versucht alles wieder heil zu machen. Traurig und komisch zugleich eben.

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  2. Die Länge hat mich bislang abgehalten dafür ins Kino zu gehen und wenn er jetzt auch noch so bewegend ist, dass Dir die Tränen kamen, heule ich die ganze Zeit :))
    Ich überlege weiter, habe ihn locker fürs Wochenende vorgemerkt ;D

    Ja die Überlängenzuschläge. Was wären unsere Kinos ohne die. Manche Ketten haben da Staffelungen das Delphi eigentlich auch. Ungeschlagen ist das UCI Potsdam, dass sogar 5 verschiedene Sitzplatzpreise hat von Holzparkett bis VIP Lounge :)) Wenn der Film dann auch noch in 3D ist, liegt man da schnell bei 15 Euro und das ist zu viel, finde ich, denn Werbung läuft ja auch ohne ende.

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    • Die Länge sollte Dich nicht abhalten, die Figuren brauchen ihre Zeit. Ja, der ist wirklich bewegend. Nee, Du heulst bestimmt nicht die ganze Zeit, aber vielleicht die letzten 40 Minuten oder so. 🙂

      Ich habe mich natürlich wieder wahnsinnig darüber aufgeregt, Werbung zu sehen. Logisch. Über Zuschläge für Überlänge habe ich mich selbstverständlich auch aufregen müssen. Die Zuschauer entscheiden sich ja schließlich für einen Film und können nichts dafür, dass der Filmemacher den nicht auf 120 Minuten geschnitten hat. Dazu kommt, dass die meisten Filme völlig unnötig so lang sind und dann soll der (deutsche) Zuschauer auch noch dafür zahlen? Eine Frechheit finde ich das. Ich habe gelesen, dass das Privatfernsehen im nächsten Jahr auch zur Kasse bittet. Die werden sich noch wundern, dass die deutschen Zuschauer da nicht mitmachen. Warum sollte man denn für werbefinanziertes (schlechtes) Fernsehen zahlen?

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      • Hast völlig recht.
        Ja, das Privatfernsehen will bei den DVBT2 Empfänger abkassieren. Sicherlich werden die sich umsehen, ich rege mich schon über die Werbung in den Öffentlich-Rechtlichen auf, fürs RTL würde ich erst recht nicht zahlen :))

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      • Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern regt mich die Werbung auch fürchterlich auf. Gut, meist gucke ich nicht zu der Zeit, in der sie Werbung senden dürfen, aber es geht ja ums Prinzip. Ich würde auch nicht für die Privaten zahlen, auch wenn ich mein N-TV vermissen werde und mir was einfallen lassen muss, wenn mein geliebter Dschungel kommt. :))

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