D. C. – Film: „Anomalisa“

Ich war am 11.01.16 und am 12.01.16 in Washington und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

„Anomalisa“ (dt. Kinostart: 21.01.16) 90 min animation, adaptation
dir. Charlie Kaufman, Duke Johnson voices: David Thewlis, Jennifer Jason Leigh, Tom Noonan

 

Der verheiratete Michael Stone (David Thewlis) ist Experte im Kundenservice. Er hat schon einige Ratgeberbücher zu diesem Thema geschrieben. Jetzt ist er nach Cincinnati geflogen, um sein neuestes Buch „How May I Help You Help Them?“ vorzustellen. Michaels Leben ist frustrierend und eintönig. Fakt ist, dass er das Gefühl hat, überall denselben Menschen zu begegnen. Alle Menschen in seinem Umfeld haben tatsächlich die gleiche Stimme (alle von Tom Noonan gesprochen). Im Hotel hört er in seinem Nachbarzimmer dann das erste Mal eine völlig neue Stimme. Er lernt die Dame zu der Stimme kennen. Lisa (Jennifer Jason Leigh) scheint etwas Besonderes zu sein…

A (Wertung von A bis F) „Anomalisa“ ist ein Animationsfilm, der mit der aufwendigen Stop-Motion-Technik gedreht wurde. Nach Synecdoche, New York erst der zweite Film, bei dem der Autor Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Adaptation, Eternal Sunshine of the Spotless Mind) Regie führt. „Anomalisa“ basiert auf Charlie Kaufmans (unter seinem Pseudonym Francis Fregoli geschriebenen) gleichnamigen Bühnenstücks.

Seitdem ich seinerzeit „Being John Malkovich“ gesehen habe, ist Charlie Kaufman, der die Vorlage zu diesem wunderbar abgedrehten Film geschrieben hat, für mich ein Genie.

Auf der einen Seite führt einen „Anomalisa“ in die Welt der Geschäftsreisenden, auf der anderen Seite ist es eine Charakterstudie eines Mannes, der sich auf Kundenservice spezialisiert hat und den Banalitäten und Oberflächlichkeiten nerven. Er ist unglücklich verheiratet und hat dazu noch ein nerviges, ständig forderndes Kind. Vielleicht steht er kurz vor einem Nervenzusammenbruch. In jedem Fall leidet er an dem Fregoli-Syndrom. Er glaubt, dass verschiedene Personen in Wirklichkeit ein und dieselbe Person ist.

Und dann ist da Lisa, die so von ihrer Unsicherheit und ihrer Naivität geprägt ist und einen wahrscheinlich schon nach ihren ersten Worten auf den Keks gehen würde, in diese Frau verliebt sich Michael. Warum – man fragt es sich. Aber für Michael hat sie etwas Besonderes. Eine Zeit lang dachte ich tatsächlich, dass „Anomalisa“ eine Liebesgeschichte (für jeden Topf findet sich ein Deckel) erzählt, aber Charlie Kaufman ist viel zu zynisch und seine Geschichten sind viel komplexer. Der Film lässt viel Interpretationsspielraum.

Die Welt der Vielreisenden ist sehr gut beobachtet. Mir waren die banalen Gespräche und Situationen mit Taxifahrern und Hotelangestellten und sogar die Einrichtung des Hotels sehr vertraut. Ich habe mich sogar dabei wiedergefunden, wie man, wenn man sich etwas zu essen bestellen will, nicht weiß, auf welche Taste des Hoteltelefons man nun genau drücken soll. Oder dass die Schlüsselkarten eine Zimmertür entweder sofort öffnen oder es aus unerfindlichen Gründen halt nicht tun. Das war alles so real, dass ich zwischendurch immer wieder vergessen habe, hier eigentlich Puppen zuzuschauen.

Mich hat „Anomalisa“ so sehr begeistert, dass ich ihn mir gleich 2x angeschaut habe. Nach der ersten Sichtung war er allerdings schon ein fester Bestandteil meiner Top Ten Filme aus dem Jahr 2015.

Ich plädiere ja bekanntermassen generell dafür, alle Filme in der Originalfassung zu schauen. Ich versuche mich jedoch mit dieser Aussage zurückzuhalten und sie für unvermeidliche Beispiele aufzusparen. „Anomalisa“ ist so ein Fall. Die amerikanischen Synchronsprecher sind großartig. An dem ganzen Film arbeiten nur drei Sprecher. Ich hätte Jennifer Jason Leigh für diese Arbeit für den Oscar nominiert und nicht zwingend für The Hateful Eight allein für ihren Gesang. Selbstverständlich ist David Thewlis, der Michael Stone spricht, ebenso herausragend. Am Interessanten, aber etwas gewöhnungsbedürftig war Tom Noonons Arbeit. Er spricht alle anderen Figuren (Mann Frau, Kind). Wenn man nicht weiß, dass eine Person alle anderen Figuren spricht, kann es schon etwas irritierend sein.

„Anomalisa“ wurde für den Oscar als Bester Animationsfilm nominiert. Dies ist die 4. Nominierung für Charlie Kaufman. Er hat bereits einen Oscar für sein Originaldrehbuch für den wunderbaren Film „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ gewonnen.

„Anomalisa“ feierte seine Premiere auf dem Telluride Film Festival 2015. Anschließend wurde er auf dem Venice Film Festival 2015 gezeigt, wo er mit dem Grand Jury Prize ausgezeichnet wurde. Der Film startete am 29.12.15 in genau 4 amerikanischen Kinos. Seit dem 8.1.16 war er dann in 17 und seit dem 15.1.16 in 37 Kinos landesweit zu sehen. „Anomalisa“ startet am 21.01.16 in den deutschen Kinos.

Trailer zu sehen:

 

vorgeschaltete Trailer:

Trailer v. Film: „Son of Saul„
Bewertung des Trailers: B (wortloser Trailer)
Kommentar: ungarisches Holocaust-Drama und sicherer Gewinner des Oscars als bester fremdsprachiger Film
Wie oft schon im Kino gesehen: 2 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

Trailer v. Film: „The Lady in the Van„
Bewertung des Trailers: B+
Kommentar: britisches Drama mit Maggie Smith
Wie oft schon im Kino gesehen: 2 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%

amerikanischer Aufsteller von "Anomalisa"
amerikanischer Aufsteller von „Anomalisa“
amerikanisches Filmplakat von "Anomalisa"
amerikanisches Filmplakat von „Anomalisa“