Netflix – Film: „Beasts of No Nation“


Ich habe mir folgenden Film über Netflix (U.S.) angeschaut:

„Beasts of No Nation“ (ist seit dem 16.10.15 über Netflix weltweit zu sehen) 137 min drama, adaptation
dir. Cary Fukunaga cast: Idris Elba, Abraham Attah, Emmanuel Nii Adom Quaye, Annointed Wesseh

Der etwa 10-jährige Agu (Abraham Atta) lebt in einem bürgerkriegserschütterten westafrikanischen Land. Nachdem seine Mutter mit den kleinen Geschwistern aus dem Dorf geflüchtet ist, bleibt Agu mit seinem Vater und seinem älteren Bruder zurück. Als korrupte Regierungssoldaten ins Dorf einmarschieren, exekutieren sie sämtliche Bewohner, darunter auch Agus Vater und seinen älteren Bruder. In letzter Minute kann Agu noch in den Dschungel flüchten. Plötzlich ist er auf sich allein gestellt. Bald darauf gerät er in die Fänge einer bewaffneten Rebellentruppe. Deren Anführer ist der Commandant (Idris Elba), der Agu als Kindersoldat abrichtet.

A (Wertung von A bis F) „Beasts of No Nation“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Uzodinma Iweala. Es ist der neueste Film von Cary Fukunaga (Jane Eyre und die erste Staffel von „True Detective“). Cary Fukunaga hat hier nicht nur Regie geführt, er hat auch das Drehbuch geschrieben, die Kamera geführt und ist Produzent seines Films.

„Beasts of No Nation“ ist ein Film, der ins Kino gehört. Ich hätte ihn mir auch liebend gerne dort angeschaut. In Deutschland kommt er jedoch gar nicht ins Kino und in den USA muss man sich schon Mühe geben und viel Glück haben, ein Kino zu finden, das den Film überhaupt spielt (Erklärung weiter unten). So habe ich mir den Film unter widrigsten Bedingungen (ich hatte einen sehr langen Flug hinter mir, war ich-will-nur-noch-in-die-Wanne-und-dann-ins-Bett-müde und dazu noch auf einen 13-Zoll-Computerbildschirm) angeschaut. Die meisten Filme hätte ich unter diesen Umständen zwar auch angefangen (schließlich war es der erste Tag, an dem Netflix diesen Film erstmalig zur Verfügung stellte), sie aber nach einer halben Stunde ausgemacht und am nächsten Tag weitergeschaut. „Beasts of No Nation“ hat mich aber quasi von Beginn an gefesselt, gar aufgeregt, meinen Puls zum Rasen gebracht, mich schockiert und tief berührt.

Zunächst bekommt man eine kleine Einführung in Agus familiäre Situation (der kranke Großvater, der Vater, die Mutter, der ältere Bruder und die zwei jüngere Geschwister) und bekommt ein Gefühl dafür, wie sein Alltag aussieht und sieht was er für ein recht unbeschwerter Junge ist. Als sich die Lage in dem Bürgerkriegsgebiet zuspitzt, muss Agus Mutter mit dem Baby und der jüngeren Schwester flüchten. Er bleibt zurück, bei den Männern in ihrem Dorf, das sie vor Plünderern schützen wollen. Dann geht alles sehr schnell, die Regierungstruppen erreichen das Dorf, exekutieren die Bewohner und Agu schafft es, noch gerade so zu entkommen. Nur wohin? Von einem Moment auf den anderen hat der ungefähr 10-jährige Junge keine Familie mehr und ist im Dschungel völlig auf sich allein gestellt.

„Beasts of No Nation“ ist wie ein Tritt in die Magengrube. Es ist ein hochspannendes, sehr atmosphärisches, aber auch heftiges Drama. Ich hatte das Gefühl, alles aus nächster Nähe zu beobachten, bzw. beobachten zu müssen. Es gibt Szenen, die wahnsinnig viel vom Zuschauer abverlangen. Nach der Ermordung seines Vaters und Bruders ist er ängstlich und traumatisiert und dann steht der manipulative Commandant (hervorragend von Idris Elba portraitiert) vor ihm und zwangsrekrutiert Agu. Die folgenden Ereignisse sieht man quasi durch Agus Augen, man sieht seine Angst, seine Hilflosigkeit, seine Beobachtungen, sieht wie er versucht, sich anzupassen, nicht aufzufallen und diese grauenhafte Welt zu begreifen, in die er geraten ist. Für mich ist der Film ein glaubhaftes Portrait eines normalen afrikanischen Jungen, der keine Chance hat und in das Kindersoldatensein hineinwächst.

Abraham Attah empfiehlt sich hier für eine Oscar-Nominierung. Fraglich jedoch, ob er für eine Nominierung als Bester Hauptdarsteller oder Bester Nebendarsteller ins Rennen geht. Der Erfahrung nach finden sich Kinder, egal wie groß und wichtig ihre Rolle in dem Film ist, meistens in der Kategorie Beste Nebenrolle wieder. Jüngere Beispiele dafür: Haley Joel Osment in „The Sixth Sense“, Abigail Breslin in „Little Miss Sunshine“ und Hailee Steinfeld in True Grit.

„Beasts of No Nation“ ist der erste von Netflix produzierte Spielfilm. Netflix geht neue Wege mit diesem Film. Durch die zeitgleiche Netflix- und Kinoauswertung eines möglichen Oscar-Anwärters bringt Netflix die Branche in Rage. Durch die amerikanischen Kinoauswertung qualifiziert sich der Film aber für die Oscars. Ob die Academy-Mitglieder einen Netflix-Film vielleicht dennoch ignorieren, bleibt abzuwarten.

„Beasts of No Nation“ ist für folgende Oscar-Nominierungen im Gespräch: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, bzw. Bester Nebendarsteller (Abraham Attah), Bester Nebendarsteller (Idris Elba), Bestes adaptiertes Drehbuch und einige technische Kategorien.

Es bleibt auch die Frage, ob sich die AMPAS-Mitglieder diesen Film überhaupt anschauen wollen. Ich erinnere mich da zu gerne an die  Oscar-Saison 2013/14 und den Film 12 Years a Slave. Dieser Film hat zwar letztlich den Oscar als Bester Film gewonnen, es wurde aber bekannt, dass viele Academy-Mitgliedern sich den Film gar nicht angeschaut haben. Sie haben ihn aber dennoch gewählt, weil der Druck zu groß war und sie sich verpflichtet gefühlt haben. Es ist gerade 1 1/2 Jahre her, dass Steve McQueens Meisterwerk den Oscar gewonnen, nominieren die AMPAS-Mitglieder im nächsten Jahr jetzt wieder einen so krassen, unbequemen Film mit einer afrikanischen Thematik? Die Academy-Mitglieder erhalten stapelweise DVDs potenzieller Oscar-Anwärter nach Hause geschickt und erhalten Einladungen zu entsprechenden Screenings. Viele Academy-Mitglieder gucken die DVDs über die Weihnachtsfeiertage (kurz bevor sie ihre Stimme abgeben müssen). Selbstverständlich können sie nicht alle Filme gucken. Greifen sie jetzt zu dem Screener von „Beasts of No Nation“ oder doch lieber zu einem Gute-Laune-Film wie The Martian. Ich hätte es kürzlich noch nicht gedacht, aber „The Martian“ hat mittlerweile tatsächlich sehr gute Chancen auf eine Oscar-Nominierung als Bester Film. „The Martian“ hat ein hervorragendes Einspielergebnis in den U.S.A. erzielt und es hat sich herausgestellt, dass irgendwie alle den Film mögen und keiner ihn hasst. Beste Voraussetzung für eine Oscar-Nominierung.

„Beasts of No Nation“ muss sich einer weiteren Problematik stellen. Die ganzen Oscar-Kampagnen laufen und der Film ist in die Schusslinie geraten. Dem Film wird vorgeworfen, Afrika in einem zu schlechten Licht erscheinen zu lassen und das noch von einem „weißen“ Filmemacher. Cary Fukunaga ist US-Amerikaner, hat aber – wie der Nachname bereits vermuten lässt – japanische Wurzeln.

„Beasts of No Nation“ wurde erstmalig auf dem Venice International Film Festival 2015 gezeigt. Dort wurde Abraham Attah mit dem Marcello Mastroianni Award ausgezeichnet.

„Beasts of No Nation“ ist am 16.10.15 in 31 amerikanischen (und einigen britischen) Kinos gestartet. Die meisten amerikanischen Kinobetreiber haben es abgelehnt, den Film im Kino zu zeigen. Als Grund haben, die vorwiegend großen Kinoketten angegeben, dass sie, durch die zeitgleiche Auswertung des Films über Netflix kein – wie sonst üblich – 90-Tage-Exklusivrecht haben, den Film zu zeigen. Das Einspielergebnis an der amerikanische Kinokasse am ersten Wochenende war desaströs. Ich bin definitiv auch kein Fan von der Filmauswertung auf diesem Weg. Anspruchsvolle Filme und wie in dem Fall mögliche Oscar-Kandidaten gehören zuerst ins Kino und sollten zunächst auch nur so konsumiert werden. Netflix-Abonnenten streamen hauptsächlich leichte Kost und ein Film wie „Beast of No Nation“ ist genau das Gegenteil und wird in so einem Portal untergehen. Schade um so einen großartigen Film.

Selbstverständlich ist „Beasts of No Nation“ festgesetzt in meiner Top Ten für Filme aus dem Jahr 2015.

Trailer zu sehen:

2 Gedanken zu “Netflix – Film: „Beasts of No Nation“

  1. Also solche Filme zu unterdrücken oder zu ignorieren, weil sie ein Land nicht gut dastehen lassen halte ich für absolut ignorant. Zumal es immer Nationen gibt, bei deren Schlechtbeleuchtung Amis keine Probleme haben (Osteuropa). Seltsam. Ist da eine Lobby, die Schwarze nicht als Bösewichte sehen will?

    Auf jeden Fall ein Film, für den ich keinen trüben Tag auswählen werde. Netflix habe ich ja.
    Meine Liste wird immer länger :))

    Liken

    • Naja, was die Academy angeht, ist es vielleicht auch manchmal eine gewisse Überheblichkeit gegenüber Projekten, die so gar nichts mit einem zutun haben. Oder wie im Fall von „12 Years a Slave“ eine wie es damals genannt wurde „weiße Schuld“ hervorbringt, mit der sie sich nicht befassen wollen.

      Bei „Beasts of No Nation“ sind es aber wohl Afrikaner und die afro-amerikanische Community, die es Leid sind, dass „Weiße“ ihren Kontinent in den – wie sie finden – Schmutz ziehen. Ist natürlich Blödsinn, keiner kann wohl leugnen, dass es korrupte Regierungen, Rebellen, Bürgerkrieg und Kindersoldaten in bestimmten Ländern in Afrika gibt. Hier wird ja schlauerweise auch nicht das Land genannt, in dem der Film spielt. Außerdem steht jedem frei einen Film über das schöne Afrika zu drehen. 🙂

      Und ja klar, haben es die amerikanischen Filmemacher heutzutage einfacher und bekommen nicht gleich die Rassismuskeule über den Kopf gezogen, wenn ihr Bösewicht nicht schwarz ist. Ein Russe kommt da vielleicht irgendwie politisch korrekter. :))

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