Berlin – Film: "Boyhood"


Ich war am 05.06.14 in Berlin und habe mir folgenden Film im Kino angeschaut:

„Boyhood“ (dt. Kinostart war der 05.06.14, „Boyhood“ wird am 22.01.15 wiederaufgeführt) 164 min drama
dir. Richard Linklater cast: Ethan Hawke, Patricia Arquette, Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, Marco Perella

Der 7-jährige Mason (Ellar Coltrane) und seine wenig ältere Schwester Samantha (Lorelei Linklater) wachsen bei ihrer Mutter Olivia (Patricia Arquette) auf. Von dem Vater der Kinder (Ethan Hawke) lebt sie getrennt. Die Mutter will irgendwann ihre Uni-Abschluss nachholen und zieht mit ihren Kindern nach Houston. Für die Kinder bedeutet das, dass sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden. Seit anderthalb Jahren haben sie ihren Vater nicht mehr gesehen, fortan werden sie aber öfter am Wochenende etwas gemeinsam unternehmen. Muter Olivia heiratet irgendwann erneut, die Kinder bekommen einen Stiefvater (Marco Perella) und Stiefgeschwister. Boyhood erzählt von einer Kindheit.

A- (Wertung von A bis F) „Boyhood“ ist ein ganz außergewöhnlicher Film über das Erwachsenwerden. Alleine der Entstehungsprozess ist bemerkenswert. Der Regisseur Richard Linklater („Before“-Trilogie, Bernie) hat zwar nur an 39 Drehtagen gefilmt, diese waren aber über einen Zeitraum von 12 Jahren verteilt. „Boyhood“ fühlt sich an wie eine Langzeitstudie. Über 12 Jahre begleitet man diese fiktive Familie, nimmt an ihrem normalen Alltag teil, sieht sie bei besonderen Ereignissen oder Anlässen oder auch wenn sich ihre Lebensumstände wieder mal gravierend verändern. Eigentlich sind es ganz einfach die Dinge, die Szenen, an denen sich rückblickend jeder andere auch erinnern würde.

Bei „Boyhood“ wurde nach einem Drehbuch gefilmt. Viele Szenen sind gut beobachtet und einfach aus dem Leben gegriffen. Ich hatte bei diesem Film mehr den Eindruck eine Reportage über die Kindheit von Mason und Samantha zu sehen, als einen Spielfilm.

Über den langen Zeitraum von 12 Jahren verändern sich die Erwachsenen und bei den Kindern kann man buchstäblich dabei zuschauen, wie sie erwachsen werden. Normalerweise werden bei solchen Zeitspannen unterschiedliche Schauspieler genommen oder es wird mit Computertechnik nachgeholfen, hier sind es tatsächlich dieselben Kinderschauspieler und auch das macht den Film besonders. Das erste Mal stand Ellar Coltrane im Alter von 7 Jahren vor der Kamera und als Zuschauer sehen wir ihn (und die Tochter des Regisseurs, Lorelei Linklater) in diesem Film aufwachsen. Am Anfang sieht man diesen kleinen Jungen, der den Film über zu einer Persönlichkeit heranwächst und am Ende ein wirklich cooler junger Mann ist.

So etwas wie Muttergefühle sind mir normalerweise fremd, Mason ist mir aber durch die Erzählung so ans Herz gewachsen und so vertraut geworden als hätte ich ihn großgezogen. Als er dann gegen Ende des Films Zuhause auszieht, um aufs College zu gehen, sind mir auch die Tränen gelaufen. Ich hatte das Gefühl, dass er mein Zuhause verlässt und jetzt eine riesige Lücke und Leere hinterlässt. Das fand ich schon faszinierend.

Eigentlich mag ich Ethan Hawke gar nicht. In diesem Film mochte jedoch die (seltenen) Begegnungen der Kinder mit ihrem leiblichen Vater am meisten. Gerade hier fand ich die Dialoge auffällig gut. Ethan Hawke spielt hier einen, wenigstens seinen Kindern gegenüber, sehr sympathischen und recht lockeren Typen, der zwangsläufig altert, aber leider langsam auch immer spießiger wird. Patricia Arquettes Olivia arbeitet viel als überwiegend alleinerziehende Mutter, hat wenig Zeit für ihre Kinder und entscheidet sich immer für die falschen Männer. Patricia Arquette hat sich über die Jahre auch optisch ziemlich verändert. Hauptsächlich waren bei ihr ihre wechselnden Frisuren und die Gewichtszunahme zu beobachten.

Ich kann grundsätzlich ganz schlecht das Alter von Kindern schätzen und hätte in der Geschichte der Einfachheit halber das eine oder andere Mal gerne gewusst, wie alt Mason bzw. Samantha jetzt gerade sind. Sicherlich kann erkennen, in welchem Jahr der Film jetzt gerade spielt, man braucht nur auf die entsprechenden Apple-Geräte zu achten, die eingesetzte Musik, wenn sich einer mit Harry Potter auskennt, kann man das Jahr vielleicht anhand der Bände oder Filme erkennen oder wenn man sich daran erinnert, wann Facebook begann, die gesellschaftliche Welt zu verändern.

Der Film ist beinahe drei Stunden lang, kam mir aber nicht so vor, im Gegenteil. Am Ende des Films habe ich mir gedacht, dass ich sehr gerne wissen möchte, wie Mason weiter durchs Leben geht. Es wäre toll, einen zweiten Teil, in vielleicht weiteren 12 Jahren zu sehen.

„Boyhood“ wurde erstmalig auf dem Sundance Film Festival 2014 gezeigt. Der Film wird ab dem 11.07.14 in einigen amerikanischen Kinos gezeigt. Ich habe den Film am 5.6.14 in Berlin in der OV gesehen. Dankenswerterweise gab es, trotz einer Laufzeit von beinahe drei Stunden, keine Unterbrechung (wie in Deutschland bereits bei Filmen, die länger als 120 Minuten andauern, üblich) und auch bei der Werbung hat sich das Kino kurz gehalten.

„Boyhood“ ist quasi seit dem diesjährigen Sundance Film Festival für zahlreiche Oscars im Gespräch, u. a. Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller (Ellar Coltrane), Bester Nebendarsteller (Ethan Hawke), Bestes Originaldrehbuch. Update: „Boyhood“ wurde bei den Oscars im Jahr 2015 für sechs Oscars (Bester Film, Beste Regie, Bester Nebendarsteller, Beste Nebendarstellerin, Bestes Originaldrehbuch und Bester Schnitt) nominiert. Bei der 87. Oscar-Verleihung am 22.2.15 wurde „Boyhood“ mit einem Oscar (für Patricia Arquette als Beste Nebendarstellerin) ausgezeichnet.

Der Trailer, der im amerikanischen Kino gezeigt wurde:

vorgeschaltete Trailer:

Trailer v. Film: „The Fault in Our Stars“ (in der OV gezeigt)
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: Drama mit Shailene Woodley
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

Trailer v. Film: „Jersey Boys“ (in der OV gezeigt)
Bewertung des Trailers: B-
Kommentar: Clint Eastwoods neuer Film ist die Verfilmung des berühmten Broadway-Musicals
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 100%, ausschließlich wenn er gute Kritiken bekommt

Trailer v. Film: „Walk of Shame“ (in der OV gezeigt)
Bewertung des Trailers: C
Kommentar: Komödie mit Elizabeth Banks und James Marsden. So gerne ich Elizabeth Banks sehe, den Film erspare ich mir.
Wie oft schon im Kino gesehen: 0 x
Wahrscheinlichkeit, dass ich den Film anschaue: 0%

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